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Ecuador, Bolivia

Ein paar frische Impressionen meiner jüngsten Südamerika-Reise für die DW-Akademie: Erst ging es nach Ecuador, wo die DW Akademie mit der Pontificia Universidad Católica (PUCE) und der Universidad Central (UCE) zwei recht unterschiedliche Projektpartner hat. Die PUCE ist eine jesuitische Universität – insofern dürfte dort die Freude über den neuen Papst ungefähr ebenso groß gewesen sein wie an der staatlichen UCE die Trauer über den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez (ein Plakat einer linken Gruppierung wies darauf hin, dass Chávez auf den Tag genau 60 Jahre nach Stalin gestorben ist, wenn das kein Zeichen wofür auch immer ist).

Beide Unis haben Kommunikationsstudiengänge (comunicación social), bisher auch beide mit einem Journalismus-Schwerpunkt. Derzeit ächzen alle Universitäten unter einer erstmals durchgeführten staatlichen Akkreditierung sowohl der Unis als auch aller Studiengänge. Die Spielregeln sind dabei offenbar nicht leicht zu durchschauen, aber das ist in den Bologna-Wirren ja auch oft so gewesen. Gerade für die staatlichen Universitäten steht viel auf dem Spiel: So fürchten einige Dozenten, dass die Akkreditierung als Anlass auch für die Neuverteilung von Ressourcen genommen werden könnte – und ungeliebte Unis, Fakultäten oder Studiengänge geschlossen werden könnten.

Ob es auch dem medienfeindlichen Klima der Correa-Regierung geschuldet ist, vermag ich nicht zu sagen, aber die Universidad Central geht mit der Entscheidung in die Akkreditierung, den Journalismus-Schwerpunkt zu eliminieren und nur noch mit einem allgemeinen Studiengang “comunicación social” weiter zu machen. Ein Grund ist, dass die Mehrheit der Dozenten diese Spezialisierung oder auch ihren Ausbau ablehnen, weil sie als Vertreter von Sprach- und Literaturwissenschaft um ihre Lehranteile fürchten. Den Journalismus-Dozenten dagegen ist durchaus bewusst, dass eine stärkere Profilierung an den Anforderungen des Arbeitsmarktes sinnvoll und von den Studenten durchaus nachgefragt ist.

An der PUCE geht man einen anderen Weg: Der bisherige Journalismus-Schwerpunkt bleibt bestehen und wird formal zum eigenen Studiengang erklärt. Dabei bleibt das Studienprogramm erhalten, so dass die Spezialisierung weiterhin erst in den letzten Semestern zum Tragen kommt. Nachteil für die Studenten: Sie entscheiden sich bereits mit der Einschreibung für Journalismus, bekommen aber faktisch erst ab dem fünften Semester erstmals tatsächlich berufsbezogene Veranstaltungen. Und auch an der PUCE ist der literaturwissenschaftliche und linguistische Schwerpunkt stark in der Dozentenschaft verankert, die sich mehrheitlich gegen eine stärkere Orientierung an konkreten Berufsfeldern wenden.

In Bolivien gibt es an den in der Asociación Boliviana de Carreras de Comunicación Social (ABOCCS) zusammengeschlossenen Universitäten eine Furcht vor der Ausweisung eines expliziten Journalismus-Studiengangs – ein solcher sei nach aller Erfahrung in Bolivien nicht marktfähig, so die einhellige Meinung. Im Workshop mit den Studiengangsleitern ging es dann um die Möglichkeiten, Studiengänge an Kompetenzen auszurichten. Die Spielräume für Reformen sind allerdings an den einzelnen Universitäten unterschiedlich: Die staatlichen Universitäten sind in der schwierigen Lage, dass bei allen wichtigen Entscheidungen Dozenten, Studierende und ihre jeweiligen Gewerkschaften mit ins Boot zu holen sind. “Resistencia al cambio” – Widerstand gegen Veränderungen – ist dabei das Hauptproblem: Tendenziell neigt das System dazu, sich selbst zu reproduzieren.

Private Universitäten haben da mehr Freiheiten – für sie ist allerdings eine explizite Journalistenausbildung ein wenig attraktiver Markt, was wiederum mit dem Arbeitsmarkt für Journalisten zusammenhängt. PR-Leute werden eher gesucht und besser bezahlt, oft auch von NGOs und Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit.

Eine grundsätzliche Erfahrung: In beiden Ländern ist die Skepsis groß, Studierende in den ersten Semester bereits praktisch arbeiten zu lassen. Formate wie die bei uns üblichen Textwerkstätten oder Projekte halten viele Dozenten für nicht realisierbar. Und wenn, dann erst nach mehreren Semestern Linguistik, Semiotik, Literatur und Geschichte. Das scheint aber auch ein grundlegendes Problem der Lehre zu sein: Die Zahl aufgeschlossener und mit digitaler Technik souverän umgehenden Dozenten ist noch zu gering; und, zugegeben, manche Unis sind auch nicht so ausgestattet, dass solche Projekte problemlos umzusetzen wären. Zugleich wird aber auch beklagt, dass es mehr und intensivere Kooperationen mit Verlagen und Medien geben könnte. Ansatzpunkte für eine Stärkung der Journalistenausbildung gibt es also.

Mein herzlichster Dank geht an die Kollegen Oliver Pieper und Peter Deselaers, die die DW-Akademie in Ecuador und Bolivien vertreten.

Neues Buch: Interaktionale Rezeptionsforschung

Es war ein langer Weg, aber jetzt ist er da: Der Sammelband “Interaktionale Rezeptionsforschung”, den ich gemeinsam mit dem Trierer Kollegen Hans-Jürgen Bucher herausgegeben habe. Es geht um die Verwendung von Blickaufzeichnung in unterschiedlichen Kontexten der Medienforschung. Dazu werden in theoretischen Einordnungen unter anderem Kernbegriffe wie Interaktion, Multimodalität, Aufmerksamkeit und Informationsselektion geklärt, es gibt praktische Hinweise zum Einsatz von Eyetracking in einem Mehr-Methodendesign. Und es werden eine Reihe von empirischen Studien zu sehr unterschiedlichen Fragen vorgestellt, die in den letzten Jahren in der Trierer Medienwissenschaft entstanden sind:

  • Dagmar Gehl untersuchte, wie sich mit Hilfe von Concept Mapping und Blickaufzeichnung medial initiierte Wissenszuwächse feststellen lassen.
  • Nils Lengelsen analysierte unterschiedliche Gestaltungsstrategien in Zeitschriften und deren Rezeption.
  • Susanne Klebba befasste sich mit der Akzeptanz und Rezeption von journalistischen Infografiken in vergleichender Perspektive – mit Erhebungen in Deutschland, Polen und Spanien.
  • Nina Hertel nahm sich animierte Infografiken im Fernsehen vor und untersuchte, wie diese Art der Darstellung in einem linearen Medium wahrgenommen wird.
  • Hans-Jürgen Bucher ging intermodalen Effekten in der audio-visuellen Kommunikation nach, in dem er die Rezeption von Werbespots analysiert.
  • Sebastian Erlhofer untersuchte die Rezeptionsmuster auf Google-Trefferseiten.
  • Philipp Niemann und Martin Krieg analysierten die Rezeptionssituation bei wissenschaftlichen Präsentation mit PowerPoint.
  • Von mir stammt im empirischen Teil ein Text zur Usability multimodaler Darstellungsformen im Onlinejournalismus, außerdem ein gemeinsamer Beitrag mit Hans-Jürgen Bucher zur Leser-Blatt-Interaktion bei Tageszeitungen.

Ich danke sehr herzlich allen Autoren für ihre Beiträge (und die Geduld). Außerdem geht mein Dank an die Kollegen und studentischen Mitarbeitern, die sich auf die Reise in das Feld der praktischen Blickaufzeichnung begeben haben. Gerne denke ich an viele Stunden im Labor, in denen wir Kalibrierungen ausprobiert, über Lichtverhältnisse räsoniert und Auswertungsverfahren getestet haben. Es gab viele Pionier-Momente, so macht Forschung Spaß.

Colombia, Nicaragua, Ecuador

Ich schulde noch einen Bericht über meine jüngste Lateinamerika-Tournee aus beruflicher Perspektive: Im August war ich zunächst in Kolumbien unterwegs und habe dort unter anderem meinen geschätzten Freund, Kollegen und Co-Autor Ignacio Gómez wiedergetroffen. Dann ging es für die DW-Akademie für eine Woche nach Nicaragua, anschließend ebenfalls für eine Woche nach Ecuador, um mich dort jeweils mit Kollegen von unterschiedlichen Universitäten auszutauschen. Aber der Reihe nach:

Kolumbien

Nach vielen Jahren eine kleine Heimkehr. Der Co-Autor meines Mauss-Buches, Ignacio Gómez, ist als Subdirector der Nachrichtensendung Noticias Uno inzwischen zum Fernsehen gewechselt, und immer noch vom gleichen Investigativgeist beseelt, trotz aller Risiken (inzwischen mit Leibwächtern zumindest aus staatlicher Sicht pro forma geschützt). Noticias Uno, mit Sendungen am Samstag und Sonntag, gilt als DAS investigative Fernsehformat in Kolumbien. Ich durfte eine Produktion hinter den Kulissen begleiten – beeindruckend. Bei einem Besuch in Barranquilla (Hitze!) habe ich dann Jesús Arroyave kennengelernt, der an der Universidad del Norte die Kommunikationsstudiengänge leitet – eine Uni, die mit großem Engagement die Forschung vorantreibt. In Bogotá (bzw. in der Nähe von) habe ich später die Universidad de la Sabana besucht und Victor García Perdomo getroffen, den ich aus alten Zeiten von El Espectador und aus seinem Heimatort Yaguará (Hitze!) kenne. Er leitet an der Universidad de la Sabana die Journalistik-Abteilung, die mit einer Technikausstattung vom Feinsten aufwartet (Steve Jobs hätte sich gefreut), und auch sonst einen sehr überzeugenden Eindruck macht.

Nicaragua

Hier war ich mit Ramón García-Ziemsen von der DW-Akademie an der Universidad de Managua, wo ich auch schon im vergangenen Jahr einen Workshop hatte. Die Uni ist zwar privat, aber nicht elitär -  ein ungewöhnliches Modell. Die niedrigen Studiengebühren und vielen Stipendien gehen da zwangsläufig mit einem extrem reduzierten Personalaufwand einher. 10.000 Studenten werden mit weniger als zehn Festangestellten im akademischen Bereich bewältigt – die Lehre machen vor allem Lehrbeauftragte. Mit den Dozenten ging es im Workshop um die nächsten Schritte zur Umsetzung eines neuen Curriculums im Fach Journalismus. Sehr erfreulich: Die Kollegen sind engagiert und möchten trotz der schwierigen Umstände ein vernünftiges Studium auf die Beine stellen. Klar, auch in Managua: Hitze.

Ecuador

Hier habe ich in Quito mit Gitti Müller und Oliver Pieper von der DW-Akademie die Universidad Católica (PUCE) und die Universidad Central (UCE) besucht. Beide Unis bieten Studiengänge in Comunicación Social an, jeweils auch mit einem Schwerpunkt Journalismus. In den Curricula schlägt sich das unterschiedlich nieder: An der PUCE findet Journalismus schon einigermaßen früh statt, auch mit praktischen Anteilen. An der staatlichen UCE kommt es relativ spät zur Ausdifferenzierung, die eigentlichen Schwerpunktveranstaltungen finden quasi nur in den letzten zwei Semestern (von neun) statt. Beide Unis legen eine breite Grundlage in Geschichte, Semiotik, Kommunikationstheorie, Literatur – und haben sehr unterschiedliche technische Voraussetzungen für eine praktische Ausbildung. Während die staatliche UCE zwar über einen eigenen Radiosender verfügt (allerdings mit minimalistischer Ausstattung), kann die private PUCE einen durchaus brauchbaren Pool an TV-Kameras und Schnittplätzen vorweisen.

In allen Ländern ist die Arbeitssituation für Journalisten – gerade auch für Einsteiger – schwierig. Niedrige Einkommen sind die Regel, oft ist der Schritt in die PR dann verlockender. Zeit für Recherche bleibt oft nicht. Dazu kommt, dass viele Medien dazu eingesetzt werden, wirtschaftliche und politische Interessen zu bedienen. Viele Herausforderungen also für eine universitäre Journalistenausbildung, die die gesellschaftliche Relevanz des Journalismus herausstellen möchte.

Projekt: Journalismus fürs iPad

Im Wintersemester durfte ich – gemeinsam mit der Kollegin Friederike Herrmann – ein Projekt begleiten, in dem unser letzter Diplomjahrgang ein iPad-Magazin entwickelt und produziert hat. Das Ergebnis steht inzwischen im iTunes-Store. Der Titel des Magazins: Ausgespielt. Und mit diesem kleinen Trailer geht es los:

Über die Idee und Entwicklung des Magazin schrieben die Studierenden im begleitenden Blog, dort sind auch die ersten Reaktionen zusammengefasst. Hier auch noch meine paar Cent in der Rückschau – aus der Sicht des Dozenten.

Zunächst die Herausforderungen: Für das Format Tablet-Magazin gibt es zwar inzwischen schon eine ganze Reihe von Beispielen. Anregungen finden sich dabei sowohl im Bereich der Zeitschriften, die für Tablets adapiert werden, aber auch Tageszeitungen mit iPad-Ausgaben können als Vorbilder dienen. Zum Teil setzen die Angebote rein auf Text und Bild und sind damit quasi die 1:1-Übertragung auf ein neues Ausspielgerät. Gelegentlich werden auch Audio und Video integriert, manchmal wird auch mit neuen, interaktiven und spielerischen Formen experimentiert. Insgesamt gibt es aber noch viel Spielraum für Neues – die Nutzungserwartungen der User sind ebenfalls noch nicht eingefahren. Das ist einerseits eine Chance, andererseits natürlich auch ein Risiko, mit Experimenten daneben zu liegen. Wie die Entwicklung im Onlinejournalismus zeigt, erwächst daraus immer mal wieder auch etwas Neues – jüngere Beispiele etwa im Datenjournalismus mit interaktiven, grafischen Aufbereitungen von Informationen.

Um nicht nur am Reißbrett zu arbeiten, ist eine eigene Auseinandersetzung mit den möglichen und bereits existierenden Formaten nötig. In unserem Projekt hatten die Teilnehmer keine eigenen iPads – wir konnten aber ein paar (besser: Paar) für das Seminar anschaffen. Dennoch wäre eine bessere Grundlage aus eigener Auseinandersetzung mit bestehenden Angeboten sicher hilfreich – weniger, um sie zu kopieren, sondern auch, um bewusst eigene Wege zu suchen.

Vor der Produktion stehen dann die technischen Hürden: Wir konnten in einem begleitenden Seminar mit Christoph Görlach alle Teilnehmer grundlegend mit Indesign (und dabei den Folio Producer Tools) bekannt machen. Trotzdem bleibt hier das zum Beispiel aus Fernsehseminaren bekannte Problem: Wir bilden keine Kameraleute oder Cutter aus, sondern Journalisten – das erfordert grundlegendes Verständnis für die Technik und die Produktionsweisen, aber keine Perfektion in der Umsetzung. In unserem Projekt stieg dann eine Gruppe von Studierenden tiefer in Layout und Produktion ein und realisierte die komplette App selbst, handgestrickt quasi. Wie in allen Projektseminaren wählten die Teilnehmer so auch selbst die Schwerpunkte ihrer Arbeit – und damit der Erfahrungen, die sie für ihr persönliches Profil als wichtig erachten. Das scheint mir ein guter Weg zu sein, es führt dazu, dass nach dem Studium nicht alle in jedem Bereich alles gleichermaßen können – was ich auch nicht für ein sinnvolles Ziel erachte. In unserem Fall gab es Teilnehmer, die eher auf die Videoproduktion setzten, andere konzentrierten sich auf Textbeiträge oder erdachten interaktive Formen. Alles schließlich in ein Produkt zu gießen, war nur wegen der inhaltlichen Klammer möglich – aber auch durch die Abstimmung von Arbeitsschritten zwischen allen Beteiligten (was an der einen oder anderen Stelle auch konsequenter umgesetzt werden müsste).

Wie immer bei Projektseminaren, bei denen der Weg von einer groben Themen- und Formatidee bis hin zum fertigen Produkt innerhalb eines Semester zurück gelegt werden muss, nimmt die Suche nach einem Konsens über das Konzept und den Titel eine lange Zeit in Anspruch. Das unterscheidet sich natürlich von der täglichen Produktion in bestehenden festen Strukturen und für ein definiertes Medienangebot, ist aber aus meiner Sicht in einer von Innovationen geprägten Medienlandschaft eine unabdingbare Erfahrung in der Ausbildung. Ganz davon abgesehen, dass es immer auch um Schlüsselqualifikationen wie Teamarbeit und (Selbst-)organisation geht.

Das alles in einem Semester zu realisieren – Konzeptentwicklung, Themenfindung, Recherche, Texten und Layoutentwicklung, Produktion – ist schon sportlich. Aber: Das angestrebte Ergebnis wurde erreicht – und auch der eine oder andere Hänger hat hoffentlich Lerneffekte gebracht. Ich bin ja grundsätzlich der Ansicht, dass auch ein Scheitern in solchen Prozessen sinnvoll sein kann, wenn die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden – aber von Scheitern waren wir weit entfernt. Gelernt haben wir trotzdem, hoffe ich.

Was ich bei dem Projekt noch sehe, sind mögliche Anschlüsse: Zum Beispiel wäre nun eine Nutzungsstudie interessant, um das Produkt auch auf Aspekte von Rezeption und Usability zu untersuchen. Außerdem wäre es lohnend, ein Konzept für eine regelmäßige Produktion zu entwickeln: Wie müssten Arbeitsabläufe dann strukturiert sein, welche Erscheinungsweise wäre sinnvoll? Außerdem: Welche Geschäftsmodelle wären denkbar?

Unterm Strich: Hat Spaß gemacht (meistens). Danke an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, besonderer Dank an Christoph Görlach – ein schönes Projekt für den Studiengang.

Vortrag: Journalismus im Internet – Schnell, vielfältig – und gut?

Weil ich für sowas irgendwie zuständig bin, spreche ich am Donnerstag, 10. Mai, bei den Frankfurter Mediengesprächen der Friedrich-Ebert-Stiftung über Onlinejournalismus. Der Ankündigungstext dazu:

Seit mehr als 15 Jahren wird im Netz journalistisch publiziert. Viele Verlage erreichen inzwischen über ihre Webseiten mehr Leser als über die gedruckten Ausgaben ihrer Zeitungen und Zeitschriften. Dabei ist Onlinejournalismus nicht einfach als eine weitere Säule neben den Print-, Hörfunk- und Fernsehjournalismus getreten, sondern mit allen eng verwoben: Im Netz lassen sich Texte und Bilder ebenso publizieren wie Hörbeiträge und Videos.

Neben der Vielfalt der medialen Formen sind auch die hohe Aktualität, die Informationstiefe und der enge Dialog mit den Lesern Stärken des Onlinejournalismus. Zugleich ist die Medienbranche noch auf der Suche nach Geschäftsmodellen, um die Angebote ausreichend zu finanzieren. Das von Tageszeitungen bekannte Modell aus Abo- und Anzeigenerlösen funktioniert nicht in gleicher Weise – und erodiert inzwischen auch bei den gedruckten Zeitungen. Damit stellt sich zugleich die Frage, welche Rahmenbedingungen die Gesellschaft möchte, um die Funktionen des Journalismus für die Demokratie sicherzustellen. In der Diskussion um die öffentlich-rechtlichen Internetangebote treffen dabei die unterschiedlichen Modelle aufeinander: Gebührenfinanzierte Angebote und Dienste aus privatwirtschaftlich organisierten Verlagen.

Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr im Spenerhaus/Dominikanerkloster in Frankfurt. Teilnahme kostet nichts, Anmeldungen bei der FES Hessen, alle Daten hier (bisschen scrollen).

Gastspiel in Fulda: Fakten und Fakes im Internet

In dieser Woche habe ich mal kurz die Hochschule gewechselt und für einen Gastvortrag an der Hochschule Fulda vorbeigeschaut, eingeladen vom Kollegen Marc Birringer vom Fachbereich Oecotrophologie. Wir haben eine ganze Reihe Gemeinsamkeiten zwischen unseren Studiengängen Wissenschaftsjournalismus und Oecotrophologie festgestellt: Die Studierenden befassen sich in beiden Fällen viel mit aktuellen wissenschaftlichen Fragen, die große Zielgruppen interessieren. Die kritische Beurteilung von Quellen spielt eine große Rolle, aber auch der Aspekt der Kommunikation. Mein kleiner Input befasste sich mit dem Internet als Informationsmedium – den Stärken und Fallstricken der Onlinekommunikation.

Bemerkenswert ist das Konzept des Projektstudiums, mit dem die Kollegen in Fulda sehr gute Erfahrungen machen: Vom ersten bis zum dritten Semester bearbeiten die Studierenden durchgängig und in kleinen Teams ein Thema, führen Literaturrecherchen und Laborstudien durch, formulieren Forschungsanträge und publizieren. In vielem ist die Arbeitsweise ähnlich wie in unseren Praxisprojekten – die lange Dauer der Projekte ist jedoch ein wesentlicher Unterschied. Auf jeden Fall ist es interessant zu sehen, wie solche Lernformen auch in naturwissenschaftlich geprägten Studiengängen als zentraler Bestandteil eingebaut werden können.

Bolivianische Notizen, 2012

Ich bin gerade aus Bolivien zurückgekehrt, wo ich gemeinsam mit Peter Deselaers für die DW-Akademie in Cochabamba einen Workshop mit den Leitern von Kommunikationsstudiengängen gemacht habe. Wie bereits im vergangenen Jahr war es eine intensive und fruchtbare Woche rund um die Entwicklung neuer Curricula. Beeindruckend ist, wie offen und konstruktiv die Vertreterinnen und Vertreter sehr unterschiedlicher Universitäten in Bolivien an ihren Fragen arbeiten und sich dabei gegenseitig stützen und beraten – das findet man in Deutschlands Hochschullandschaft auch nicht überall.

Eine zentrale Frage, die die bolivianischen Kollegen umtreibt, ist, wie sich die Kommunikationsstudiengänge nach Kompetenzen umstrukturieren lassen – also von der Definition von Lehrinhalten hin zu Lernzielen. Die Rahmenbedingungen sind dabei sehr unterschiedlich. In staatlichen Universitäten mit hohem Einfluss von Studierendenvertretungen und Dozentengewerkschaften sind Reformen vor allem eine politische Herausforderung. Bei privaten Universitäten ist die Akkreditierung durch staatliche Institutionen die entscheidende Hürde: Es gibt Unsicherheit darüber, wie genau neue Curricula definiert sein müssen. Im Zweifel geht der Trend eher dazu, lieber mehr Details zu regeln und festzuschreiben – und sich so für Jahre an einen Lehrplan zu binden. Ich hoffe, dass unser Workshop auch ein wenig dazu beigetragen hat, einen neuen Mut zum Pragmatismus zu finden.

Journalismus gibt es zumindest bei den im Workshop vertretenen Universitäten nicht als eigenständiges Studium. Die Studiengänge firmieren, wie in Lateinamerika üblich, zumeist unter “Comunicación social” und verbinden dabei die Themen Journalismus, PR und Medienproduktion, teilweise auch Marketing. Geschuldet ist das auch dem engen Arbeitsmarkt: Eine Spezialisierung könnte den Spielraum der Absolventen unnötig einschränken, so die Befürchtung. Nach meiner Beobachtung fehlt auch ein wenig Mut, sich mit eigenem Profil durchzusetzen – was nunmal Spezialisierungen erfordert, die sich auch in den Abschlüssen oder in zertifizierten Schwerpunkten niederschlagen.

Klar ist aber auch, dass die Ressourcen der meisten Hochschulen sehr begrenzt sind. Beispiel: In der gastgebenden staatlichen Universidad Mayor de San Símon ist ein einziger Vollzeit-Professor für rund 1700 Kommunikations-Studierende zuständig, die Lehre wird überwiegend von Dozenten mit Lehrbeauftragtenstatus getragen, einige davon mit einem unbefristeten Vertrag, in denen auch das jeweilige Unterrichtsfach auf ewig festgeschrieben ist (was im Falle von Reformen nicht unbedingt von Vorteil sein muss). Die Folge sind Gruppengrößen von zum Teil über 100 Studierenden, auch für Praxisseminare. An einigen Universitäten gehen die Kollegen die Herausforderungen offensiv an: Durch Didaktik-Workshops für die Dozenten, aber auch – soweit möglich – die Einführung von Parallelkursen, um die Gruppengrößen auf ein vertretbares Maß zu bringen.

Alles in allem: Eine auch für mich sehr lehrreiche Woche. Dank geht vor allem an Peter Deselaers von der DW-Akademie, die Kollegen aus der Asociación Boliviana de Carreras de Comunicación Social (ABOCCS), aber auch an Gunnar Zapata von der Universidad Mayor de San Símon für die Gelegenheit, dort einen Gastvortrag vor vollem Auditorium zu halten.

Vortrag: Wie Leser lesen

Lesen ist komplex: Wenn vom Zeitunglesen oder der Nutzung von Websites die Rede ist, verbirgt sich dahinter ein Prozess aus Orientierungsleistungen, Selektion und dann dem eigentlichen Lesen, das mitunter weniger linear verläuft, als es sich der Schreiber wünscht. Ein paar Forschungsergebnisse dazu stelle ich am Mittwoch, 7. März, in einem Vortrag vor: “¿Cómo leen los lectores de periódicos impresos y online?”. Spanisch, weil in Cochabamba, Bolivien, an der Universidad Mayor de San Símon. Beginn: 19 Uhr, Ortszeit.

Diskussion zu Politik, Internet und Journalismus

Am Donnerstag bin ich auf Einladung der Evangelischen Erwachsenenbildung Darmstadt Mit-Diskutant bei einer Podiumsrunde. Thema: Politik und politischer Journalismus im Umbruch. Ein Schwerpunkt: Online und Politik. Mit dabei in der Runde sind Alexander Schneider, Online-Chef des Darmstädter Echo, Rainer Hein von der FAZ und Thorsten Wirth von der Piratenpartei Frankfurt.

Die Koordinaten: Donnerstag, 9. Februar, 19.30 Uhr, Offenes Haus, Rheinstraße 31. Hier geht’s zur Ankündigung des Veranstalters (ein wenig Scrollen, die Veranstaltungen zum “Bösen” sind es ausnahmsweise nicht, auch wenn es ums Internet geht).

Die Bescheidwisser

Zugegeben, ein leichtes Schaudern hatte ich schon beim Titel: “Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus”, die neue und erweiterte Auflage des, ähem, “Klassikers” von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue. Jetzt also erweitert um Online-Journalismus, der entweder aus Gründen des Marketings auch in den Titel musste – oder um ihn noch mal vom “richtigen” Journalismus abzugrenzen.

Die Erwartungen sind erfüllt: Das Kapitel Online-Journalismus ist gleich vorne zwischen “Die Journalisten” und “Schreiben und Redigieren” gequetscht, ohne dass es irgend eine Systematik dafür zu erkennen gibt. Das Internet, so erfahren wir, ist zunächst einmal irgendwie böse – vor allem, weil es unübersichtlich ist:

“Das Internet gaukelt den Menschen vor, sie könnten alles erfahren, billig und schön. Doch sie erkennen nicht, was wahr ist und was falsch, sie kennen die Interessen nicht hinter der Auswahl, sie kapitulieren vor der schieren Fülle und langweilen sich über unattraktive Präsentationen mit flauen Bildern und irritierender Werbung. Die meisten Bürger haben weder Zeit noch Lust, stundenlang nach der Wahrheit zu suchen.”

Sicher eine Erfahrung, mit der so mancher Volkshochschul-Referent im Kurs “Internet für Senioren I” konfrontiert ist. Aber so hilflos sind “die meisten Bürger” dann doch nicht – und schon gar nicht die Zielgruppe derer, die sich über das Berufsfeld informieren möchten.

“Die Fülle von Informationen verführt dazu, sich nur nützliche Nachrichten zeigen zu lassen. Eine Suchmaschine analysiert, für was sich ein Nutzer interessiert, sortiert es für ihn in Schubladen und bietet ihm immer mehr vom Gleichen an.”

Mhm. Es gibt also zu viele Informationen im Netz, aber auswählen darf man auch nicht, sondern muss sich aus demokratietheoretischen Gründen das ganze Internet durchlesen. Und: Welche Suchmaschine ist gemeint?

Wie man Informationen richtig bearbeitet, zeigen die beiden journalistischen Haudegen dann im Abschnitt “Wie arbeitet eine Online-Redaktion?” am praktischen Beispiel: Thomas Knüwer, eingeführt als Ex-Handelsblatt-Redakteur, wird mit den Worten zitiert: “Online-Redakteure sind die dummen Textschrubber, die nichts können.” Damit wird er zum Beispiel für diejenigen Printkollegen auserkoren, die auf die Onliner herabblicken. Dumm nur, dass das korrekte Zitat lautet: “Aber Onliner sind aus Sicht vieler Printkollegen nur die dummen Textschrubber, die nichts können.” Mit dem ersten Zitat wäre Knüwer vermutlich nicht Chefredakteur der ersten deutschen Wired-Ausgabe geworden.

Weiter gehts. Die beiden Autoren Schneider und Raue

  • verwechseln Tweet und Twitter,
  • reden von “Blog und Twitter”, wenn Sie Blogs und Twitter meinen,
  • vermuten, dass “Webcrowler” die Programme der Suchmaschinen sind, die die Rangliste bestimmen,
  • kennen nicht den Unterschied zwischen den Begriffen Public Relations und Corporate Publishing.

Aber sie haben natürlich einen Rat für “junge Leute, die Journalisten werden sollen (sic)”:

“Studiert erstens zügig und zweitens etwas Handfestes, worüber Bescheid zu wissen dem Journalisten und seinen Lesern nützt – also nicht Germanistik, Literaturwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Soziologie!”

Im Serviceteil dann die uralte Warnung: “In Redaktionen werden akademische Abschlüsse im Journalismus allerdings nach wie vor nicht hoch geachtet.” Immerhin sind auch die Darmstädter Studiengänge Online-Journalismus und Wissenschaftsjournalismus in der – nicht sehr gründlich recherchierten – Übersicht der Journalistik-Studiengänge erwähnt. Ganz so schlimm kann es dann doch nicht sein (und unsere Absolventen kennen den Unterschied zwischen Twitter und Tweet).

Der Bescheidwisser-Ton der beiden ist im neuen Kapitel Online-Journalismus noch mal eine Spur nerviger als in den alten Auflagen zu den alten Themen. In Anbetracht des Wandels im Journalismus sind  vermeintliche Wahrheiten dieser Art ähnlich wie Bauernregeln: Man weiß zwar nicht, warum es um einen herum stürmt, zimmert sich aber ein paar Glaubensätze, die nicht immer eine innere Logik haben müssen. Und der Jungbauer staunt.

Schade, dass das Buch auch von der Bundeszentrale für politische Bildung verbreitet wird. Die kennen sich eigentlich besser aus im Journalismus.