Bildungsreise durch Kolumbien

Inzwischen ist der Jetlag überwunden, es fehlt nur noch der Blogpost, um meine Kolumbienreise abzuschließen. Im September war ich zwei Wochen in Popayán, Cauca. Wie im vergangenen Jahr konnte ich wieder mit meiner kolumbianischen Kollegin Edilma Prada an der Universidad Autonoma Indígena Intercultural (UAIIN) unterrichten; etwa 30 junge Indígenas sind dort für den Studiengang Comunicación propia eingeschrieben. Ziel ist, sie für Kommunikationsaufgaben innerhalb ihrer lokalen Gemeinschaften vorzubereiten, aber auch Nachwuchskräfte für die Öffentlichkeitsarbeit der indigenen Organisationen zu gewinnen. Die Uni wird betrieben vom Consejo Regional Indígena del Cauca (CRIC).

Im Seminar ging es im ersten Teil mit Matthias Kopp von der Deutschen Welle Akademie um audiovisuelle Medien und Videoproduktion. Im Anschluss daran standen für drei Tage journalistische Darstellungsformen auf dem Programm. In einem Übungsteil konnten die Studierenden ausprobieren, wie eine aktuelle Nachricht geschrieben wird; das Thema lag quasi vor der Tür und betrifft die Indigenen im Cauca ganz direkt: Der Indígena-Führer Feliciano Valencia wurde zu 18 Jahren Haft verurteilt und saß seit einigen Tagen in Popayán in Haft. Der Hintergrund ist komplex: Valencia wird beschuldigt, vor sieben Jahren einen Militärangehörigen entführt und misshandelt zu haben. Das Geschehen spielte sich während einer so genannten Minga ab, einer indigenen Protestversammlung mit vielen Tausend Teilnehmern. Der Militär – ebenfalls Indígena – sollte offenbar die Versammlung ausspionieren und hatte militärisches Material dabei. Nach seiner Enttarnung verurteilte ihn die Gemeinschaft zu Stockschlägen – ganz im Einklang mit der legalen indigenen Rechtsprechung. Die Indigenen sehen die Verurteilung von Valencia insofern als gravierenden Angriff auf ihre Autonomie.

In der Uni campierten in unserer Seminarwoche rund 150 Mitglieder der Guardia Indígena, der indigenen Selbstverteidigungsgruppen, die – ohne Waffen – die Rechte der Indigenen verteidigt. Jeden Tag hielten die Guardias Mahnwachen vor dem Gefängnis. Das war dann auch das journalistische Thema für die Studierenden: In einer Pressekonferenz befragten sie zwei Anführer der Guardia Indígena und schrieben anschließend eine Nachricht dazu (die auch durchaus abweichend von westlichen Standards subjektiv geprägt sein konnte). Wie immer war es beeindruckend, das Engagement der Studierenden zu sehen, die oft nur unter schwierigen Umständen zu den Unterrichtswochen an die UAIIN kommen können.

Nach dem Seminar in Cauca ging es dann nach Medellín. Dort kooperiert die DW Akademie mit der Universidad de Antioquia in Themen zu historischer Erinnerung und Medien. Ein Teilprojekt durfte ich kennenlernen: In Granada, einem kleinen Ort rund zwei Stunden östlich von Medellín, werden die lokalen Medienmacher unterstützt. Sie betreiben dort einen Radiosender, produzieren regelmäßig ein TV-Nachrichtenmagazin, publizieren eine monatliche Zeitschrift und ein Webangebot – alles ehrenamtlich und ohne journalistische Ausbildung. In einem Workshop haben wir über die Potenziale von Onlinemedien gesprochen, vor allem zur Interaktion mit dem Publikum. Die Kollegen in Granada haben da schon viel Erfahrung – vor allem Facebook ist für sie eine wichtige Plattform, aber auch Twitter spielt eine Rolle. In Granada gibt es eine besondere Kommunikationskultur in Granada: Die Gemeinde ist stolz darauf, die Wiege des kolumbianischen Genossenschaftswesens zu sein – in dieser Tradition sind die Gemeinschaft und ihre kommunikative Vernetzung zentrale Werte. Granada war in den gewaltsamen Auseinandersetzungen des kolumbianischen Konflikts mehrfach Ziel von Angriffen. Zur Erinnerung und Aufarbeitung gibt es eine Gedenkstätte, den Salon „Nunca más“.

Anfang Oktober war ich schließlich beim Kongress der lateinamerikanischen Kommunikationsfakultäten (Felafacs 2015), der alle drei Jahre stattfindet und die größte kommunikationswissenschaftliche Tagung in Lateinamerika ist. Mein Vortrag beschäftigte sich mit den Arbeitsweisen lateinamerikanischer Nachrichtensites, insbesondere bei großen Nachrichtenlagen. Grundlage waren Interviews mit Redaktionsverantwortlichen von Medien in Kolumbien, Ecuador, Uruguay und Argentinien und eine Verlaufsanalyse von acht Nachrichtensites, die aufzeigt, wie Redaktionen „breaking news“ bearbeiten – am Beispiel der diplomatischen Annäherung, die Cuba und die USA im Dezember vergangenen Jahres angekündigt haben.

Ich danke allen Kollegen, mit denen ich zusammenarbeiten durfte – vor allem Edilma Prada von Consejo de Redacción, Matthias Kopp von der DW Akademie, Dora Muñoz und Adolfo Conejo vom CRIC und Camilo Arboleda von der Universidad de Antioquia. Ich habe wie immer viel gelernt!

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