Redaktionsbesuch 3: El Comercio, der Muster-Newsroom in Quito

Nach einer kleinen Pause nun der Aufschrieb zu einem weiteren Redaktionsbesuch in Lateinamerika, den ich im August letzten Jahres gemacht habe. Diesmal: El Comercio in Quito, eine der beiden großen national verbreiteten Zeitungen in Ecuador.

Die Redaktion von El Comercio in Quito ist wie aus dem Berater-Handbuch gestaltet: Ein Großraum mit einem zentralen Newsdesk als Hub und mehreren Speichen für die einzelnen Ressorts. Darüber, offen, eine Ebene mit einem Café und mehreren Besprechungs- und Rückzugsräumen. Seit etwa drei Jahren arbeitet El Comercio in dem neuen Newsroom, voll integriert, sagt Marcos Vaca, der Leiter der Digitalsparte. Die wichtigsten Produkte sind die gedruckte und digitale Ausgabe von El Comercio, außerdem das Tabloid Últimas Noticias, ebenfalls in Print und digital. Dazu kommen Zulieferungen zum hauseigenen Radiosender und die Zeitschriften wie „Familia“ und „Líderes“.

Die Redaktion sei auf dem Weg zu einer „digital first“-Strategie, sagt Marcos Vaca – mit über hundert Jahren im Printgeschäft sei das allerdings nicht von heute auf morgen umzusetzen. Grundsätzlich versuche die Redaktion, im Print auf eher hintergründige, erklärende Stücke zu setzen, während die Website stark nachrichtenorientiert sei. Die Site setze dabei auch deutlich auf die Themen, die Tagesgespräch seien, also durchaus einen Tick boulevardesker als die Zeitung. Es gebe auch sehr unterschiedliche Publika für die einzelnen Kanäle – das habe man durch Umfragen herausgefunden. Mit Print erreiche man ein gebildetes, eher finanzstarkes Publikum ab 40; die digitalen Kanäle würden eher von jüngeren konsumiert. Nicht alle Themen im Print würden sich im Digitalen wiederfinden – und umgekehrt.

Das Publikumsinteresse wird bei elcomercio.com sehr genau gemessen: Nutzungsstatistiken und Live-Quoten spielen eine wichtige Rolle – der Digitalchef jedenfalls checkt sie auch während unseres Gesprächs regelmäßig auf dem Tablet. Laut Vaca sind die Zahlen aber nicht die einzigen Entscheidungskriterien der Redaktion – die Blattlinie gehe in jedem Fall vor, deshalb gebe es zum Beispiel keine Boulevard-Aufmacher. Zugleich zeigten die Quoten aber auch, dass nicht alles, was die Redaktion für wichtig erachte, vom Publikum ebenso gesehen werde. Als Beispiel nennt Marcos Vaca die Meldung vom Tod von Gabriel García Márquez, die entgegen der Erwartungen der Redaktion nicht die am häufigsten geklickte gewesen sei. „Manchmal mag ich unser Publikum nicht“, sagt Vaca.

Zu beobachten sei eine klassische Büro-Nutzungskurve, in den letzten zwei Jahren auch eine deutliche Zunahme der Zugriffe von Smartphones. Social Media spielt eine wichtige Rolle: Knapp 30 Prozent der Besuche kämen über Facebook, sagt Marcos Vaca. Da würden dann auch schon mal die eher bunten Themen ausgespielt, die sich gut teilen ließen. Twitter sei zwar prozentual nicht so wichtig, jedoch würden darüber die politisch Interessierten und Intellektuellen in Quito erreicht – deshalb werde der Kanal auch eher mit harten News bespielt als Facebook.

Beim letzten Redesign der Seite im Mai wurde fielen bei elcomercio.com die kleinteiligen Ressorts weg – es gibt nun nur noch drei Groß-Rubriken. „Actualidad“ für Hard News, „Tendencias“ für Gesellschaft, Buntes und Wissenschaft sowie „Deportes“, also Sport. „Die Leute navigieren nicht nach Rubriken, sondern suchen nach Themen“, sagt Marcos Vaca. Und auch für die User, die über Google auf die Seite kämen, seien diese überflüssig. Es habe jedenfalls nach dem Relaunch keine Einbrüche bei den Zahlen gegeben.

Marcos Vaca hat an der Universidad Central in Quito studiert – einer staatlichen Hochschule. Er sieht den Studiengang Comunicación Social inzwischen sehr kritisch: „Das ist alles und zugleich nichts, und es gibt kaum Praxis.“ Alles Wichtige habe er erst bei El Comercio gelernt – in der Printredaktion. Noch heute kämen die Absolventen der Uni Central mit einem schiefen Bild von der Praxis in die Redaktion. Erst neulich habe er einem Bewerber angeboten, ihn doch mal durchs Haus zu führen, um zu schauen, ob da irgendwo die Eigentümer der Zeitung sitzen, um den Redakteuren die Marschrichtung vorzugeben und sie als Büttel des Kapitals einzusetzen. (Da ich vor Jahren mal das Vergnügen mit einigen Dozenten der U Central hatte und Einblick in ihre Diskurse nehmen durfte, fand ich das ziemlich lustig. Weniger lustig ist natürlich, das genau diese Ideologie auch von der Regierung genutzt wird, um kritische Presse zu diskreditieren.)

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