Kolumbien: Journalistenschule und Uni Indígena

In dieser Woche war ich noch einmal in Popayán in Cauca, Kolumbien, zur Fortsetzung von diesem und jenem Projekt. Mit den geschätzten Kolleginnen Edilma Prada, Ginna Morelo und Johana Moreno von Consejo de Redacción ging es um die weiteren Schritte hin zu einer Journalistenschule. Die Inhalte sind dabei nicht das Problem: CdR hat sehr viel Erfahrung mit Seminaren für Journalisten, vor allem mit Schwerpunkten wie investigativem oder Datenjournalismus, aber auch zur Berichterstattung über Konflikt, Frieden und Korruption. Schwieriger ist, eine Organisationsform und vor allem ein Finanzierungsmodell zu finden. Der Plan ist, im zweiten Halbjahr des nächsten Jahres mit einem mittelgroßen Kursangebot an den Start zu gehen. Bis dahin sind noch ein paar Schritte zu gehen, aber die Route steht.

Außerdem hatte ich wieder Gelegenheit, mit Dozenten der Universidad Autónoma Indígena Intercultural (UAIIN) zu tagen. Für den gerade gestarteten Studiengang Comunicación propia intercultural gibt es einen relativ weit gediehenen Studienplan. Für ein paar Leerstellen, Überlappungen und Inkonsistenzen konnten wir hoffentlich gute Lösungen finden. Die UAIIN ist in einem Zwiespalt: Zum einen will sie Studiengänge anbieten, die den Bedürfnissen der comunidades indígenas und ihren Organisationsstrukturen gerecht werden. Zum anderen arbeitet sie auch daran, staatlich anerkannt zu werden – nicht zuletzt, um auch öffentliche Gelder zu bekommen. Das bedeutet, zu einem gewissen Grad die Vorgaben des Staates zu beachten, wenn es etwa um Workloads, Noten und Credits geht.

Die UAIIN ist dennoch keine Hochschule wie jede andere. Der Studiengang Comunicacion propia intercultural zum Beispiel hat ein paar sehr charmante Eigenheiten, die zugleich auch für Herausforderungen sorgen. Die Studenten werden quasi auf Empfehlung ihrer jeweiligen Gemeinschaften geschickt und sollen während des Studiums auch in den Gemeinschaften mitarbeiten – zum Beispiel bei einem Radiosender. Damit sammeln sie zum einen Erfahrungen, die dann wieder in den geblockten Unterrichtswochen in der UAIIN ausgewertet und mit den anderen Studierenden geteilt werden können.

Da ist es nur konsequent, wenn bei den Bewertungen auch die comunidades mitreden: Zu 25 Prozent fließen die Beurteilungen der jeweiligen Gemeinschaften in die Noten mit ein. Für weitere 25 Prozent ist die Studierendengruppe selbst zuständig, muss also ein System finden, sich gegenseitig zu bewerten. Beides nicht ganz einfach – und wir haben lange darüber geredet, wie sinnvoll Bewertungen per Note denn überhaupt sind (Fazit: eher nicht so, aber muss ja). Ein paar alternative Möglichkeiten sind dann auch auf den Tisch gekommen: eine Art Lehr-Lern-Vertrag, der auch die comunidades mit einbezieht, und damit auch eine gute Feedback-Möglichkeit an die Uni darstellt, Lerntagebücher oder schriftliche Praxisreflektionen. Was sich davon tatsächlich umsetzen lässt, ist schwer zu sagen: Im Moment agieren die wenigen festen orientadores (Dozenten) ohnehin schon an der Belastbarkeitsgrenze, so dass zusätzlicher Betreuungsaufwand kaum drin ist.

Beeindruckend ist auf jeden Fall, mit welchem Engagement die beteiligten Dozenten und Studenten ihr Projekt voranbringen – trotz sehr knapper Ausstattung. Es mangelt an Rechnern, die Bibliothek ist sehr bescheiden, die Studierenden haben weite Wege, um zu den Blockseminaren zu kommen – und wenn die Schlafsäle voll sind, wird auf dem Campus gezeltet. Das Gemeinschaftsgefühl, so scheint mir, ist dafür um so stärker. Auf jeden Fall lohnt es sich, den Studiengang weiter im Blick zu halten. Ich denke, von den Erfahrungen können wir noch einiges lernen. So manche „westliche“ Gewissheit über Kommunikation stößt hier an ihre Grenzen.

Mein Dank geht an die Kolleginnen von CdR und an alle Mitwirkenden an der UAIIN, vor allem Nixon Yatacué. Como siempre: Una experiencia extraordinaria.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.