Redaktionsbesuch 2: El País, Marktführer in Uruguay

Die Foyers von Zeitungsverlagen sind ja gerne als kleines Technikmuseum eingerichtet. So steht auch bei El País in Montevideo im Eingangsbereich eine alte Linotype. Die Redaktion im ersten Stock arbeitet im Großraum – nur die Onlineredaktion ist in einem Glaskasten untergebracht, cocina digital wird sie hier genannt, die Digitalküche. Digitalchef Oscar Vilas hat seinen Arbeitsplatz aber am zentralen Newsdesk der Zeitung – diese Entscheidung war ein erster Schritt hin zu einer Integration von Print und Online. Es wird nun viel telefoniert und gelaufen, um die Kommunikation im Fluss zu halten.

Dass El País die auflagenstärkste Zeitung in Uruguay ist, sagen alle. Die genauen Zahlen der verbreiteten und verkauften Exemplare werden nicht kommunziert (ich muss mich wohl mal als Anzeigenkunde ausgeben und nachfragen). Online sieht es da etwas besser aus, hier zählt IAB. Im September kam elpais.com.uy demnach auf 9,6 Millionen Visits mit 55 Millionen Pageviews, gezählt jeweils inklusive diverser Sub-Angebote. Damit liegt El País weit vor dem zweitgrößten Angebot El Observador.

Eine Besonderheit der uruguayischen Zeitungswebsites ist, dass hier in der Morgenstrecke stark auf die Inhalte der Printausgabe gesetzt wird. Bei El País werden um 4 Uhr morgens fast alle Zeitungsinhalte freigeschaltet und dürfen auch erstmal ganz entspannt auf Leser warten, teilweise bis zum Nachmittag. Die Nutzungskurve hat ihren Peak zwischen 9 und 11 Uhr am Vormittag, eine typische Büronutzung. Die Onlineredaktion ist ab acht Uhr besetzt und beginnt dann, aktuelle Inhalte zu erstellen, die die Zeitungstexte nach und nach verdrängen.

Monitoring der anderen Medienangebote ist eine zentrale Aufgabe im Tagesverlauf, für die eigens Redakteure abgestellt werden. Das ist auch wichtig, weil es keine nationale Nachrichtenagentur gibt; vieles, was andere Medien berichten, wird weitergedreht. In der Spätschicht bereitet ein vierköpfiges Team die Zeitungsinhalte für den nächsten Tag vor, was in weiten Teilen Handarbeit ist – getrennte Systeme, keine vernünftigen Importroutinen, kennt man. Aber es wird auch neu hierarchisiert, teilweise die Überschriften angepasst, Links gesetzt oder Fotos verändert. Vier Multimediaredakteure produzieren auch Videos und interaktive Infografiken; ein durchgestreamtes TV-Angebot wie beim Observador gibt es allerdings nicht.

Digitalchef Oscar Vilas bringt lange Jahre Printerfahrung mit, mit Stationen in Brasilien, Argentinien und den USA. Vor elf Jahren stieg er dann bei El País ein, seit rund vier Jahren leitet er die Onlineredaktion. Einer der Gründe für seinen Wechsel war, so sagt er, dass die Redaktionsleitung damit ein Zeichen setzen und den Onlinern mehr Gewicht und Respekt in der Printredaktion verschaffen wollte. Auf lange Sicht sei eine integrierte Redaktion das Ziel, sagt Oscar Vilas. Doch bis dahin sei es noch ein langer Weg.

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