Archiv für den Monat: November 2014

Ecuador: Reform im Dschungel der Interessen

Zum Abschluss meiner Südamerika-Reise war ich in dieser Woche noch einmal in Quito, um mit den Kollegen an der Universidad Católica (PUCE) noch einmal am geplanten Journalismus-Studiengang zu arbeiten. Wie sich im August schon andeutete, ist das Projekt von allerlei nicht kontrollierbaren Rahmenbedingungen abhängig. Im ungünstigsten, aber nicht unwahrscheinlichsten Fall könnte sich die Uni-Leitung entschließen, doch mit einem einzigen Studiengang Comunicación Social weiterzumachen. Die bisher darin enthaltenen Schwerpunkte Journalismus, Public Relations und Literatur dürfte die PUCE nach den neuen Regierungsvorgaben nicht weiter getrennt ausweisen. Damit wäre die ganze Studiengangsreform ein großer Rückschritt zu einem konturlosen, praxisfernen und am Arbeitsmarkt vorbei agierenden Ausbildungsangebot.

Die Kollegen aus der Journalismus-Fraktion sind zurzeit noch optimistisch, dass sie ihr Konzept zumindest in weiten Teilen durchsetzen können. Mit diesem Optimismus haben wir dann auch ein paar Details justiert und bearbeitet. Vor allem die Organisation von Projekten war ein wichtiges Thema. Sie sollen nach in den letzten zwei Semesterwochen stattfinden; die Seminare des jeweiligen Semesters sollen – soweit möglich – inhaltlich darauf vorbereiten. Ein sehr charmantes Konzept, für das jedoch auf auf der organisatorischen Seite eine Reihe von Fragen zu klären sind. Die meisten der beteiligten Dozenten tragen das Konzept jedenfalls mit – insofern hoffe ich mal, dass ihre Mühen der vergangenen Jahre nicht umsonst waren und möglichst viele der guten Ideen auch umgesetzt werden können.

Bolivien: Journalismusausbildung stärken

In der vergangenen Woche war ich in Bolivien, um mir das Projekt ProPeriodismo anzuschauen, dass eine stärker praxisorientierte Aus- und Weiterbildung für Journalisten umsetzen will. Auf deutscher Seite sind die GIZ und DW Akademie beteiligt, auf bolivianischer Seite drei Partner, mit denen unterschiedliche Felder beackert werden:

  • ABOCCS, ein Zusammenschluss von kommunikationswissenschaftlichen Fakultäten, bietet Journalismus-Dozenten Weiterbildungen zu neuen didaktischen Möglichkeiten und mehr Praxisnähe in der Lehre an.
  • Die Fundación para el Periodismo hat ein Programm gestartet, in dem eine Gruppe von Journalisten in Blockseminaren weitergebildet wird – es geht um Handwerkszeug für multimediales Arbeiten, aber auch um neue Themenzugänge.
  • CEPRA in Cochabamba kümmert sich in Wochenseminaren um die Ausbildung von lokalen Radiomachern in ganz Bolivien – viele davon kommen von Kleinstsendern in ländlichen Gebieten.

Ich konnte in Cochabamba und La Paz mit den Machern und Teilnehmern sprechen, um zu sehen, was gut läuft und wo möglicherweise Dinge anders gemacht werden sollten. Die Details kommen in einen Evaluationsbericht. Fazit für mich schon jetzt: Sehr inspirierend!

Kolumbien: Journalistenschule und Uni Indígena

In dieser Woche war ich noch einmal in Popayán in Cauca, Kolumbien, zur Fortsetzung von diesem und jenem Projekt. Mit den geschätzten Kolleginnen Edilma Prada, Ginna Morelo und Johana Moreno von Consejo de Redacción ging es um die weiteren Schritte hin zu einer Journalistenschule. Die Inhalte sind dabei nicht das Problem: CdR hat sehr viel Erfahrung mit Seminaren für Journalisten, vor allem mit Schwerpunkten wie investigativem oder Datenjournalismus, aber auch zur Berichterstattung über Konflikt, Frieden und Korruption. Schwieriger ist, eine Organisationsform und vor allem ein Finanzierungsmodell zu finden. Der Plan ist, im zweiten Halbjahr des nächsten Jahres mit einem mittelgroßen Kursangebot an den Start zu gehen. Bis dahin sind noch ein paar Schritte zu gehen, aber die Route steht.

Außerdem hatte ich wieder Gelegenheit, mit Dozenten der Universidad Autónoma Indígena Intercultural (UAIIN) zu tagen. Für den gerade gestarteten Studiengang Comunicación propia intercultural gibt es einen relativ weit gediehenen Studienplan. Für ein paar Leerstellen, Überlappungen und Inkonsistenzen konnten wir hoffentlich gute Lösungen finden. Die UAIIN ist in einem Zwiespalt: Zum einen will sie Studiengänge anbieten, die den Bedürfnissen der comunidades indígenas und ihren Organisationsstrukturen gerecht werden. Zum anderen arbeitet sie auch daran, staatlich anerkannt zu werden – nicht zuletzt, um auch öffentliche Gelder zu bekommen. Das bedeutet, zu einem gewissen Grad die Vorgaben des Staates zu beachten, wenn es etwa um Workloads, Noten und Credits geht.

Die UAIIN ist dennoch keine Hochschule wie jede andere. Der Studiengang Comunicacion propia intercultural zum Beispiel hat ein paar sehr charmante Eigenheiten, die zugleich auch für Herausforderungen sorgen. Die Studenten werden quasi auf Empfehlung ihrer jeweiligen Gemeinschaften geschickt und sollen während des Studiums auch in den Gemeinschaften mitarbeiten – zum Beispiel bei einem Radiosender. Damit sammeln sie zum einen Erfahrungen, die dann wieder in den geblockten Unterrichtswochen in der UAIIN ausgewertet und mit den anderen Studierenden geteilt werden können.

Da ist es nur konsequent, wenn bei den Bewertungen auch die comunidades mitreden: Zu 25 Prozent fließen die Beurteilungen der jeweiligen Gemeinschaften in die Noten mit ein. Für weitere 25 Prozent ist die Studierendengruppe selbst zuständig, muss also ein System finden, sich gegenseitig zu bewerten. Beides nicht ganz einfach – und wir haben lange darüber geredet, wie sinnvoll Bewertungen per Note denn überhaupt sind (Fazit: eher nicht so, aber muss ja). Ein paar alternative Möglichkeiten sind dann auch auf den Tisch gekommen: eine Art Lehr-Lern-Vertrag, der auch die comunidades mit einbezieht, und damit auch eine gute Feedback-Möglichkeit an die Uni darstellt, Lerntagebücher oder schriftliche Praxisreflektionen. Was sich davon tatsächlich umsetzen lässt, ist schwer zu sagen: Im Moment agieren die wenigen festen orientadores (Dozenten) ohnehin schon an der Belastbarkeitsgrenze, so dass zusätzlicher Betreuungsaufwand kaum drin ist.

Beeindruckend ist auf jeden Fall, mit welchem Engagement die beteiligten Dozenten und Studenten ihr Projekt voranbringen – trotz sehr knapper Ausstattung. Es mangelt an Rechnern, die Bibliothek ist sehr bescheiden, die Studierenden haben weite Wege, um zu den Blockseminaren zu kommen – und wenn die Schlafsäle voll sind, wird auf dem Campus gezeltet. Das Gemeinschaftsgefühl, so scheint mir, ist dafür um so stärker. Auf jeden Fall lohnt es sich, den Studiengang weiter im Blick zu halten. Ich denke, von den Erfahrungen können wir noch einiges lernen. So manche „westliche“ Gewissheit über Kommunikation stößt hier an ihre Grenzen.

Mein Dank geht an die Kolleginnen von CdR und an alle Mitwirkenden an der UAIIN, vor allem Nixon Yatacué. Como siempre: Una experiencia extraordinaria.

Redaktionsbesuch 2: El País, Marktführer in Uruguay

Die Foyers von Zeitungsverlagen sind ja gerne als kleines Technikmuseum eingerichtet. So steht auch bei El País in Montevideo im Eingangsbereich eine alte Linotype. Die Redaktion im ersten Stock arbeitet im Großraum – nur die Onlineredaktion ist in einem Glaskasten untergebracht, cocina digital wird sie hier genannt, die Digitalküche. Digitalchef Oscar Vilas hat seinen Arbeitsplatz aber am zentralen Newsdesk der Zeitung – diese Entscheidung war ein erster Schritt hin zu einer Integration von Print und Online. Es wird nun viel telefoniert und gelaufen, um die Kommunikation im Fluss zu halten.

Dass El País die auflagenstärkste Zeitung in Uruguay ist, sagen alle. Die genauen Zahlen der verbreiteten und verkauften Exemplare werden nicht kommunziert (ich muss mich wohl mal als Anzeigenkunde ausgeben und nachfragen). Online sieht es da etwas besser aus, hier zählt IAB. Im September kam elpais.com.uy demnach auf 9,6 Millionen Visits mit 55 Millionen Pageviews, gezählt jeweils inklusive diverser Sub-Angebote. Damit liegt El País weit vor dem zweitgrößten Angebot El Observador.

Eine Besonderheit der uruguayischen Zeitungswebsites ist, dass hier in der Morgenstrecke stark auf die Inhalte der Printausgabe gesetzt wird. Bei El País werden um 4 Uhr morgens fast alle Zeitungsinhalte freigeschaltet und dürfen auch erstmal ganz entspannt auf Leser warten, teilweise bis zum Nachmittag. Die Nutzungskurve hat ihren Peak zwischen 9 und 11 Uhr am Vormittag, eine typische Büronutzung. Die Onlineredaktion ist ab acht Uhr besetzt und beginnt dann, aktuelle Inhalte zu erstellen, die die Zeitungstexte nach und nach verdrängen.

Monitoring der anderen Medienangebote ist eine zentrale Aufgabe im Tagesverlauf, für die eigens Redakteure abgestellt werden. Das ist auch wichtig, weil es keine nationale Nachrichtenagentur gibt; vieles, was andere Medien berichten, wird weitergedreht. In der Spätschicht bereitet ein vierköpfiges Team die Zeitungsinhalte für den nächsten Tag vor, was in weiten Teilen Handarbeit ist – getrennte Systeme, keine vernünftigen Importroutinen, kennt man. Aber es wird auch neu hierarchisiert, teilweise die Überschriften angepasst, Links gesetzt oder Fotos verändert. Vier Multimediaredakteure produzieren auch Videos und interaktive Infografiken; ein durchgestreamtes TV-Angebot wie beim Observador gibt es allerdings nicht.

Digitalchef Oscar Vilas bringt lange Jahre Printerfahrung mit, mit Stationen in Brasilien, Argentinien und den USA. Vor elf Jahren stieg er dann bei El País ein, seit rund vier Jahren leitet er die Onlineredaktion. Einer der Gründe für seinen Wechsel war, so sagt er, dass die Redaktionsleitung damit ein Zeichen setzen und den Onlinern mehr Gewicht und Respekt in der Printredaktion verschaffen wollte. Auf lange Sicht sei eine integrierte Redaktion das Ziel, sagt Oscar Vilas. Doch bis dahin sei es noch ein langer Weg.

Journalistentagung in Buenos Aires: Ausblick auf die Medienpolitik

Gestern und heute war ich beim Jahreskongress des Foro de Periodismo Argentino, einer Journalistentagung in der Universidad de Palermo in Buenos Aires. Das Ganze hat mich ein wenig an die Jahreskonferenzen von Netzwerk Recherche erinnert. Auch hier ging es vor allem um den Erfahrungsaustausch in Workshops und Vorträgen. Unter den Vortragenden waren auch viele internationale Gäste, zum Beispiel Katitza Rodríguez von der Electronic Frontier Foundation oder Matthew Eltringham, der für die Website des BBC College of Journalism zuständig ist.

Ein Schwerpunktthema war investigativer Journalismus, es ging um die Recherche und Berichterstattung zu Drogenkartellen, organisierter Kriminalität und Korruption. Immer wieder ging es auch um die Schikanen, denen sich Medien und Journalisten unter der gegenwärtigen Regierung von Cristina Kirchner ausgesetzt sehen. Ein etwas anderes Bild also, als ich es auf der regierungsnahen Tagung vor ein paar Wochen erlebt habe. In Workshops ging es um Praktisches: Katitza Rodríguez stellte das Projekt Surveillance Self Defense vor, ein zielgruppenorientiertes Infopaket zur digitalen Sicherheit. Matías Fuentes von Google durfte ein paar Produkte seiner Firma vorstellen, die für Journalisten nützlich sein können.

Die Veranstalter von FOPEA hatten die Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen eingeladen, um sich von ihnen die Pläne für die Medienpolitik erläutern zu lassen. Es sind auch fast alle gekommen, nur die härtesten Kirchneristas würden sich so einer Diskussion nicht stellen. Für die Journalisten ist dabei vor allem interessant, wie die Kandidaten zu den staatlichen Interventionen in privatwirtschaftlichen Medien stehen. Ein großes Thema ist, wie Werbegelder von staatlichen Institutionen auf die Medien verteilt werden, ohne damit Politik zu machen und unliebsame Medien abzustrafen. Die Kandidaten, die ich gehört habe, sagen, dass sie es auf jeden Fall besser machen wollen als die gegenwärtige Regierung.

Morgen geht die Tagung weiter. Ich muss aber Koffer packen.

Bühnenjubiläum

Heute vor 25 Jahren ist meine erster Zeitungstext gedruckt worden. Gelegenheit, in bisschen in Erinnerungen zu kramen.

Ich war im Oktober 1989 bei einer Infoveranstaltung, es ging um Berufe bei der Zeitung. Und es sprach Peter Stemmler, stellvertretender Chefredakteur des Delmenhorster Kreisblatts, also der Zeitung, die bei uns jeden Tag im Briefkasten lag. Einige waren gekommen, um sich über den Druckerberuf zu informieren – ich war der einzige, der sich für den journalistischen Teil interessierte. Peter Stemmler hatte extra noch mal in irgendeinem Journalismus-Handbuch nachgeschaut, um ein paar kluge Dinge zu sagen. Unter anderem, dass Redakteure zwar eine politische Meinung haben dürften, ihr parteipolitisches Mäntelchen aber bitte sehr an der Garderobe abzugeben hätten, wenn sie in die Redaktion kämen. (Was ich mir unter anderem deshalb gemerkt habe, weil er sich später selbst nicht immer daran gehalten hat, aber das ist eine andere Geschichte.)

Wie das denn so mit einer freien Mitarbeit geht, wollte ich wissen. Einfacher, als ich dachte: Am folgenden Samstag fuhr ich mit Peter Stemmler in seinem beigefarbenen BMW zur Nordwolle, einem ehemaligen Industriegelände. Das damals noch ziemlich neue Fabrikmuseum feierte Museumsfest. Mein erster Termin. Und es konnte ja nicht viel schief gehen, denn notfalls würde eben der Chef den Text schreiben. Ich lief also rum, fragte Leute, sah mir alles an. Zuhause klöppelte ich den Text auf einer elektrischen Schreibmaschine (Typenrad!) zusammen. Am Sonntag Vormittag radelte ich in die Redaktion, den fertigen Text in der Tasche.

Die weiteren Schritte waren analog: Peter Stemmler schrieb den Einstieg und Schluss ein bisschen um und klebte die neue Version auf die Textzettel, die dann an die Texterfassung gingen. Für die Überschrift mussten die Buchstaben händisch gezählt werden, um dann zu sehen, ob das mit der vorgesehen Schriftgröße passt. Seitenlayout war noch Papiersache, das Typomaß wichtigstes Handwerkszeug.

Am Montag war der Text dann Aufmacher auf Seite 1 im Delmenhorster Kreisblatt – das seit langem den Lokalteil als erstes Buch vor dem zugekauften Mantel hatte. Zwar nicht mit Autorennamen, aber immerhin mit meinem Kürzel ps. Von „ps“ erschienen dann in der folgenden Zeit allerlei Texte, Termine zumeist, darunter alles, was das Klischee begehrt: Kleingärtner mit irren Satzungsdiskussionen, Vogelzüchter, Hausfrauenbund. Bei manchen Texten bin ich ganz froh, dass sie nicht im Digitalen verewigt sind. Später machte ich dann sechs Wochen Praktikum in der Redaktion und schrieb auch ein paar eigene Stücke.

Damals gab es 50 Pfennig Zeilenhonorar – da bekommen viele freie Lokalschreiber heute weniger. Fotos machten die beiden festen Fotoredakteure (!). Ich habe damals einiges gelernt, auch dank der Redaktionskollegen, die mir viele hilfreiche Tipps gaben. Um mal ein paar zu nennen: Ilse Wittenburg, Mechthild Voigt, Ulrich Arlt, Michael Korn (der heute Chefredakteur des dk ist). Und vor allem Frank Schümann, der mich ermutigt hat, mit dem Journalismus weiterzumachen. Und Peter Stemmler, der dann später mein Chefredakteur war.

Das Delmenhorster Kreisblatt hat in den letzten 25 Jahren viele Turbulenzen erlebt, Redakteure entlassen, der Verlag ist aus dem Tarif ausgeschert, hat den Mantel selbst produziert, eine zweite Lokalausgabe für das benachbarte Ganderkesee ins Leben gerufen und wieder beerdigt. Und wie üblich in der Branche: Seit Jahren sinkende Auflagen. Vor kurzem wurde dann die Mehrheit des Verlags an die Neue Osnabrücker Zeitung verkauft.