Redaktionsbesuch: La diaria in Uruguay, Cousine der taz

Ich schreibe hier mal in loser Folge ein paar Eindrücke und Beobachtungen zu den Redaktionen auf, die ich besuchte habe. Den Anfang macht eine kleine Zeitung aus Uruguay: La diaria. Die Zeitung ist jung, sie wurde vor acht Jahren gegründet. Als ich vor dem Redaktionsgebäude, einem Altbau nahe der Plaza Independencia stehe, denke ich sofort an die taz. Im Erdgeschoss gibt es ein Café und einen kleinen Buchladen. Im Treppenaufgang zur Redaktion liegen Zeitungsstapel. Insgesamt fühlt sich das hier alles an wie bei der taz in Berlin. Und das ist kein Zufall. La diaria ist ebenfalls eine Genossenschaft und hat gute Drähte zur taz. Die Idee mit der dem Café als Veranstaltungsort kam aus Berlin, die taz nannte La diaria mal die „Cousine aus Uruguay“ und unterstützte die Zeitung mit einer Soli-Kampagne. Gerade erschien in der taz ein Text von Marcelo Pereira, Meinungsredakteur bei La diaria, der die Präsidentschaft von Pepe Mujica bilanziert. (Gestern war Wahltag, es ging um seinen Nachfolger.)

Die Druckauflage von La diaria liegt nach eigenen Angaben bei knapp 10.000 Exemplaren, die Zeitung erscheint von Montag bis Freitag. Ob die Zeitung damit die zweithöchste Auflage im uruguayischen Zeitungsmarkt hat, wie sie selber schreiben, kann ich nicht nachvollziehen. Es gibt keine verlässlichen und unabhängigen Zahlen zu den Auflagen. Klar ist aber, dass es mindestens zwei Zeitungen gibt, die wesentlich größere Redaktionen unterhalten – wie das mit einer Auflage unter 10.000 klappen soll, weiß ich nicht.

Auffällig ist die Optik von La diaria: Es gibt in Print und Web nur schwarz-weiße Fotos, die mit viel Sorgfalt ausgewählt werden. Blau ist die Leitfarbe. (Am Rande: La silla vacia in Kolumbien, eine Website für unabhängigen und innovativen Politikjournalismus, sieht ganz ähnlich aus.) Die Website von La diaria ist im Wesentlichen eine Abbildung von Zeitungstexten, keine aktuelle Newssite. Nur bei sehr wichtigen Ereignissen wird kurz und nachrichtlich aktualisiert. Nach Angaben von Redakteur Gabriel Lagos zeigt sich, dass insbesondere die Meinungsstücke oder subjektive Formen stark im Web gefragt sind. Sie bekommen dort auch einen höheren Stellenwert als in der Zeitung. Auf der Website sind nur einige Texte sind frei verfügbar, für andere muss der Leser sich registrieren. Das Ziel ist, eine Paywall einzuführen.

In der Redaktion arbeiten rund 40 Personen, vier davon kümmern sich explizit um die Website und soziale Netzwerke. Vor allem Twitter ist dabei wichtig: 90.000 Follower hat La diaria dort, 40.000 Likes bei Facebook. Die Website hat rund 250.000 Besucher im Monat.

Seit dem vergangenen Jahr hat La diaria auch eine Fernsehlizenz (zusammen mit einer Kooperative, die audiovisuelle Produktionen macht). Der Start wird gerade vorbereitet – noch ist nicht ganz klar, wie die Redaktion der Zeitung an der Produktion beteiligt werden soll und wie die beiden Produkte zueinander positioniert werden.

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