Archiv für den Monat: Oktober 2014

Redaktionsbesuch: La diaria in Uruguay, Cousine der taz

Ich schreibe hier mal in loser Folge ein paar Eindrücke und Beobachtungen zu den Redaktionen auf, die ich besuchte habe. Den Anfang macht eine kleine Zeitung aus Uruguay: La diaria. Die Zeitung ist jung, sie wurde vor acht Jahren gegründet. Als ich vor dem Redaktionsgebäude, einem Altbau nahe der Plaza Independencia stehe, denke ich sofort an die taz. Im Erdgeschoss gibt es ein Café und einen kleinen Buchladen. Im Treppenaufgang zur Redaktion liegen Zeitungsstapel. Insgesamt fühlt sich das hier alles an wie bei der taz in Berlin. Und das ist kein Zufall. La diaria ist ebenfalls eine Genossenschaft und hat gute Drähte zur taz. Die Idee mit der dem Café als Veranstaltungsort kam aus Berlin, die taz nannte La diaria mal die „Cousine aus Uruguay“ und unterstützte die Zeitung mit einer Soli-Kampagne. Gerade erschien in der taz ein Text von Marcelo Pereira, Meinungsredakteur bei La diaria, der die Präsidentschaft von Pepe Mujica bilanziert. (Gestern war Wahltag, es ging um seinen Nachfolger.)

Die Druckauflage von La diaria liegt nach eigenen Angaben bei knapp 10.000 Exemplaren, die Zeitung erscheint von Montag bis Freitag. Ob die Zeitung damit die zweithöchste Auflage im uruguayischen Zeitungsmarkt hat, wie sie selber schreiben, kann ich nicht nachvollziehen. Es gibt keine verlässlichen und unabhängigen Zahlen zu den Auflagen. Klar ist aber, dass es mindestens zwei Zeitungen gibt, die wesentlich größere Redaktionen unterhalten – wie das mit einer Auflage unter 10.000 klappen soll, weiß ich nicht.

Auffällig ist die Optik von La diaria: Es gibt in Print und Web nur schwarz-weiße Fotos, die mit viel Sorgfalt ausgewählt werden. Blau ist die Leitfarbe. (Am Rande: La silla vacia in Kolumbien, eine Website für unabhängigen und innovativen Politikjournalismus, sieht ganz ähnlich aus.) Die Website von La diaria ist im Wesentlichen eine Abbildung von Zeitungstexten, keine aktuelle Newssite. Nur bei sehr wichtigen Ereignissen wird kurz und nachrichtlich aktualisiert. Nach Angaben von Redakteur Gabriel Lagos zeigt sich, dass insbesondere die Meinungsstücke oder subjektive Formen stark im Web gefragt sind. Sie bekommen dort auch einen höheren Stellenwert als in der Zeitung. Auf der Website sind nur einige Texte sind frei verfügbar, für andere muss der Leser sich registrieren. Das Ziel ist, eine Paywall einzuführen.

In der Redaktion arbeiten rund 40 Personen, vier davon kümmern sich explizit um die Website und soziale Netzwerke. Vor allem Twitter ist dabei wichtig: 90.000 Follower hat La diaria dort, 40.000 Likes bei Facebook. Die Website hat rund 250.000 Besucher im Monat.

Seit dem vergangenen Jahr hat La diaria auch eine Fernsehlizenz (zusammen mit einer Kooperative, die audiovisuelle Produktionen macht). Der Start wird gerade vorbereitet – noch ist nicht ganz klar, wie die Redaktion der Zeitung an der Produktion beteiligt werden soll und wie die beiden Produkte zueinander positioniert werden.

Journalismus in der Krise, einmal anders

In dieser Woche habe ich einen Blick auf die ideologischen Verwerfungen zwischen Presse und Regierung in Argentinien werfen dürfen. Anlass war eine Tagung in Buenos Aires, die aus Anlass des 5-jährigen Bestehens des Mediengesetzes für audiovisuelle Kommunikation stattfand. Praktischerweise organisiert von der Regulierungsbehörde, die für dieses Gesetz zuständig ist – und damit quasi von der Regierung selbst. Ok, wer Geburtstag feiert, lädt sich halt Freunde ein. Es kamen Kommunikationswissenschaftler, Journalisten und andere Medienschaffende nicht nur aus Argentinien. Eine recht illustre Runde, die das Gesetz ziemlich klasse fand. Und die Regierung von Cristina Kirchner ohnehin.

Nun ist es so, dass das Gesetz durchaus viele gute Punkte hat: Die Rechte der Zuschauer und Zuhörer werden gestärkt, der Zugang zu Lizenzen für Radio und Fernsehen für nichtkommerzielle Anbieter wird deutlich verbessert. Außerdem gibt es Regeln für die Medienkonzentration. Und hier wird es heikel. Vor allem die Mediengruppe Clarín, Herausgeber der gleichnamigen Tageszeitung, steht seither unter Druck, Beteiligungen an Fernsehsendern aufzugeben. Der Konflikt mit der Regierung ist ein Dauerthema in Argentinien. Beide Seiten werfen sich regelmäßig vor zu lügen. Clarín missachte die Gesetze, sagt die Regierung. Die Regierung missachte die Pressefreiheit, sagt Clarín (ich verkürze hier mal, Langfassung in der spanischsprachigen Wikipedia). In diesen Tagen geht es jedenfalls ziemlich heftig hin und her.

Nun kam ich mir auf der genannten Tagung mit dem Titel „Medios y democracia“ teilweise wie im Schützengraben vor, nämlich dem der Regierungsseite. In jedem zweiten Beitrag wurde auf Clarín geschimpft; der Diskurs insgesamt lässt sich grob so zusammenfassen: Private kommerzielle Medien sind schlecht für die Demokratie, ja, eigentlich ist an allem der Kapitalismus schuld, in dem das Publikum nur als Ware für die werbetreibende Industrie betrachtet werde.

Wie lässt sich denn Journalismus in dieser Perspektive verankern? Nun: Eher nicht. Interessant ist, dass der Begriff nur in einem von 15 Panels überhaupt im Titel auftauchte. Leitbegriffe sind eher Information, das Recht auf Kommunikation, Zugang zu Information, Qualität der Information, Informationsproduzenten. Tenor ist, dass es reiche, allen Gruppen aus allen sozialen Sektoren der Gesellschaft ausreichend Möglichkeiten zu geben, Informationen zu verbreiten und zu empfangen. Was genau denn eine Information ist, oder gar eine gute und wichtige, das bleibt weithin offen. Ich würde ja sagen: Der gute, alte Journalismus als eine professionelle, durch berufsethische Standards getragene Arbeitsweise, Themen zu finden, zu recherchieren und zu präsentieren, wäre ein ganz passender Ansatz. Aber dieser Journalismus, so erfahre ich auf dem einzigen Panel mit Journalismusbezug, ist kaputt, weil er in den Händen der „hegemonialen Medien“ liege. Die Werbung habe den Journalismus korrumpiert. Ein Kollege aus Spanien sagte, dass Journalismus eigentlich nur noch Leute wie Julian Assange und Edward Snowden machen würden. Alles andere lasse sich nur als „servicio de información“ betrachten, also irgendwie eine Informationsdienstleistung. Der Kollege brachte übrigens auch die ziemlich vertikale These mit, dass die Journalisten der New York Times sich nicht trauen würden, kritisch über Firmen aus dem breiten Portfolio des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim zu berichten, seit dieser eine siebenprozentige Beteiligung an dem Verlag halte.

Konzepte wie Pressefreiheit im westlichen Verständnis passen in diese Sicht nicht rein – zumindest dann nicht, wenn es um Journalismus von Unternehmen mit Gewinnstreben geht. Aber wie soll Journalismus dann finanziert und organisiert werden, so dass er auch tatsächlich seine Funktion erfüllen kann? Bei der Frage treffen sich dann wieder die Welten – mit dem Unterschied, dass es bei uns eher darum geht, dass die privatwirtschaftlichen Medien vermeintlich oder tatsächlich wirtschaftlich am Stock gehen, während ihnen hier in Argentinien noch rosigste Geschäfte und Expansionsdrang nachgesagt werden. Vielleicht lässt sich die Suche nach neuen Finanzierungs- und Organisationsmodellen für Journalismus ja zusammen betreiben.

Ins Gesamtbild passte, dass die Tagung an einem Nachmittag zur Propagandabühne wurde. In einer Live-Videoschalte sprach Cristina Kirchner – von Patagonien aus – mit Wladimir Putin in Moskau. Anlass war, dass der spanischsprachige Ableger des russischen Staatsfernsehens RT nun frei in Argentinien zu empfangen ist. Als einziger ausländischer Sender, übrigens. Und das argentinische Staatsfernsehen in Russland. Fanden auf der Tagung alle gut, so als Beitrag zur Meinungsvielfalt. Oder, wie Kirchner sagte, Information ohne Mittelsleute – was dann wohl die Journalisten wären. Die herbeibestellten Jubel-Kirchneristas sorgten für schöne, bunte Fernsehbilder. Aber Clarín hatte was zu meckern. In einem Meinungsstück heißt es, Cristina Kirchner würde wohl am liebsten eine Welt ohne Journalisten haben. Klar ist, dass der von ihr betriebene Diskurs Journalismus systematisch diskreditiert.

Zurück zur Tagung. Eine weitere Merkwürdigkeit war, dass das Thema Internet kaum eine Rolle spielte, obwohl im Untertitel was mit technologischer Konvergenz stand. Nun kann ja theoretisch (die Zugangsfrage klammere ich hier mal aus) das Internet das Problem, das das Mediengesetz lösen soll, überflüssig machen – also keine Beschränkungen der Kommunikation mehr durch knappe Frequenzen, jeder kann sich äußern, Dialog zwischen Medienmachern und Bürgern und so weiter. Aber die wenigen Beiträge mit Internetbezug endeten entsprechend des Leitdiskurses in einem Lamento über die Marktmacht von Facebook und Google, anstatt über das deliberative Potenzial des Mediums zu sprechen.

In gut einem Jahr wird in Argentinien gewählt. Vermutlich ist das auch ein Grund, warum der Konflikt um die Medien und den Journalismus heftiger wird.