Archiv für den Monat: September 2014

Eigene Wege, eigene Kommunikation: Universidad Autónoma Indígena Intercultural

In der vergangenen Woche war ich zu Gast an der Universidad Autónoma Indígena Intercultural (UAIIN) in Popayán, Kolumbien. Die Hochschule wird betrieben vom Consejo Regional Indígena del Cauca (CRIC), der die Mehrheit der indigenen Ethnien in Cauca vertritt. Die Hochschule hat gerade einen neuen Studiengang Comunicación propia intercultural gestartet, der die eigenen Nachwuchs-Kommunikatoren ausbilden soll. Zusammen mit der Kollegin Edilma Prada von Consejo de Redacción konnten wir mit Dozenten und Studenten in der Woche eine Reihe von interessanten Themen diskutieren – und hoffentlich zum Gelingen des Studiengangs einen kleinen Baustein beitragen.

Zunächst stand für zwei Tage eine Minga de pensamiento an. Eine Minga ist eine Art Gemeinschaftsarbeit, zu der die Mitglieder der jeweiligen Gemeinschaft aufgerufen werden. Es kann dabei um Feldarbeit, den gemeinsamen Bau eines Fußballplatzes oder auch die Diskussion aktueller politscher Themen gehen. In einer offenen Runde mit Dozenten, Studenten und anderen Interessierten diskutieren wir vor allem, was die Kommunikationstechnologie für die indigene Kommunikation bedeutet – und wie sich einsetzen lässt, ohne die eigenen Prinzipien zu verletzen. Schnell wurde dabei deutlich, dass der Kommunikationsbegriff hier sehr weit und immer mit Blick auf Kultur und Tradition verwendet wird. Zugleich wird durchaus gesehen, dass etwa das Internet auch viele Stärken hat, die sich für die eigene Kommunikation einsetzen lassen – es ist also keine von außen aufgedrängte Notwendigkeit, sich mit digitaler Kommunikation zu befassen. Im CRIC sind digitale Medien selbstverständliche Mittel der Öffentlichkeitsarbeit. Etwas anders sieht es aus, je weiter man in die einzelnen comunidades kommt. Nicht überall gibt es Netz, viele haben keinen Zugang und entsprechend kaum Kompetenzen im Umgang mit dem Internet. Das ist auch eine der Herausforderungen des Studiengangs – und vielleicht auch als Stärke nutzbar: Heterogenität. Zugleich gibt es mit den radios indígenas auch schon bewährte Modelle, wie Medien für die Gemeinschaften eingesetzt werden können. Viele der Teilnehmer, auch viel der Studenten arbeiten in diesen Sendern, die oft nur über wenige Kilometer ausstrahlen, aber für die lokale Kommunikation eine sehr wichtige Rolle spielen.

Mit den Studenten standen dann zwei Tage Unterricht auf dem Plan. Unser Ausgangspunkt war Journalismus (im westlichen Verständnis), um dann jeweils die Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit der indigenen Kommunikation herauszufinden. Die Studenten haben einige interessante Modelle entwickelt, die zeigen, dass der Kontext von Kommunikation hier anders gedacht wird. Zum Beispiel steht immer die Gemeinschaft mit ihren Strukturen im Vordergrund – was die indigenen Autoritäten sagen, das zählt. Der übergeordnete Rahmen hört nicht bei Gesetzen oder Ethik auf, die Kosmovision und die Natur sind ebenfalls zentrale Referenzpunkte. Dabei geht es immer darum, die eigene Kultur, Sprache und Tradition zu erhalten und zu verteidigen. Mit Journalismus in unserem Verständnis hat Medienproduktion in diesem Kontext zunächst wenig zu tun, auch Konzepte von Öffentlichkeitsarbeit greifen nur zum Teil.

Insgesamt eine Woche mit großartigen Lehr- und Lernerfahrungen. Dank an Matthias Kopp von der DW-Akademie für die Koordination des Projekts. Muchas gracias a Nixon Yatacue, coordinador de la carrera en la UAIIN, y a mi colega incansable Edilma Prada.

Kolumbien: Konzepte für die Journalistenausbildung

In den vergangenen Tagen war ich zu Gast bei Consejo de Redacción in Bogotá, einer Journalistenorganisation, die sich vor allem dem investigativen Journalismus verschrieben hat. Eine der Stärken des Verbands ist, dass er Journalisten aus ganz Kolumbien, also auch den eher ländlichen Regionen vernetzt. Mit der Plataforma de Periodismo betreibt CdR auch ein Informations- und Weiterbildungsangebot für Journalisten, Schwerpunkt ist der Journalismus in Konfliktsituationen. Außerdem vermittelt CdR eine ganze Reihe von wichtigen Themen in Seminaren, unter anderem Datenjournalismus oder digitalen Journalismus.

Ziel der Organisation ist es jetzt, die Seminar- und Beratungsangebote zu konsolidieren und damit auch Einkünfte zu generieren. Wir haben dafür in dieser Woche verschiedene Modelle diskutiert und nächste Schritte definiert. Wie immer und überall ist die Ausgangslage dabei schwierig: Einerseits gibt es viel Bedarf an Ausbildung, Weiterbildung und Beratung – andererseits ist es nicht einfach, das auch finanziert zu bekommen. Die Ideen, die vielfältigen Erfahrungen und das große Engagement der CdR-Leute sind dabei ein großes Plus, um tatsächlich auch größere Projekte erfolgreich zu stemmen.

CdR hat seine Büros übrigens in der Universidad Javeriana, an der ich vor 18 Jahren selbst als Student war. Insofern war es für mich auch eine Rückkehr.

Muchas gracias a Ginna Morelo, Edilma Prada y Johana Moreno de CdR por las discusiones que tuvimos, ein herzlicher Dank geht auch an meinen Kollegen Matthias Kopp von der DW-Akademie.

Ecuador: Tod einer Zeitung

Ein Schlaglicht auf die Situation privatwirtschaftlicher Medien in Ecuador wirft die Schließung der Tageszeitung und Website Hoy, herausgegeben vom Medienhaus Edimpres. In der vergangenen Woche wurde sowohl die verbliebene Wochenend-Printausgabe als auch die Website eingestellt – die letzte Aktualisierung auf der Seite war vor rund 6 Tagen.

Ich war vor drei Wochen zu Besuch in der Redaktion. Schon da war die Lage schwierig. Die tägliche Druckausgabe war seit Ende Juni durch eine wöchentliche Ausgabe ersetzt worden, die allerdings auch nur eine Druckauflage von rund 10.000 Exemplaren hatte. Die wirtschaftliche Lage der Zeitung war schon länger angespannt. Die Redaktion hegte jedoch die vage Hoffnung, mit der Website unter der neuen Marke Hoy digital überleben zu können. Ein neues Layout, angelehnt an die Huffington Post, sollte die Attraktivität des Dienstes steigern.

Hoy galt lange als eine der innovativsten, kritischsten und diskussionsfreudigsten Zeitungen des Landes. Schon bei der Gründung 1982 erschien sie als erste Zeitung Ecuadors komplett in Farbe. Das Layout war ein modern und modular, Infografiken prägten das Blatt. 1993 war sie die erste Zeitung Lateinamerikas im Internet. Journalisten sehen aber vor allem auch eine neue Qualität der politischen Debatte als großes Verdienst der Zeitung: Sie hat früh auf Themen wie die Entwicklung der Demokratie, Kritik an der Regierung, Rechte der Indigenen oder Ökologie gesetzt. Der Regierung Rafael Correa war das Blatt ein Dorn im Auge.

Die Schließung hat nun die staatliche Unternehmensaufsicht verfügt, die bei Unternehmen in allen Branchen eingreift, wenn über einen längeren Zeitraum die Bilanzen nicht stimmen und das Kapital nicht ausreicht. 154 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs. Über die Art und Weise der Abwicklung gibt es Streit – der Verlag und die Mitarbeiter fühlen sich überrumpelt und kritisieren das Vorgehen der Aufsichtsbehörde.

Die Zeitung gibt der Regierung die Schuld für den wirtschaftlichen Niedergang. Ein Grund sei das Kommunikationsgesetz, das die Freiheit der Presse eingeschränkt habe (die Folgen diese Gesetzes analysiert Reporter ohne Grenzen hier). Dieses an Merkwürdigkeiten reiche Gesetz war Anfang Juli die Grundlage für eine saftige Geldbuße. Das ohnehin klamme Unternehmen musste 57.800 US-Dollar zahlen, weil es die Druckauflage des jeweiligen Tages nicht auf der Titelseite abdruckte. Der Verlag beklagt außerdem, dass das Unternehmen keine Anzeigen von regierungsnahen Organisationen oder Institutionen bekam und die Druckerei Aufträge etwa für Schulbücher verlor. Präsident Correa wies den Zusammenhang zurück.

Kritiker fragen nun, wie es denn die „öffentliche“ (sprich: staatliche) Zeitung El Telégrafo mit der Transparenz hält. Insgesamt zeigt der Fall erneut, wie sehr unliebsame private Medien unter der Regierung Correa unter Druck geraten. Aber auch einzelne Journalisten werden vom Präsidenten in seiner wöchentlichen Fernsehansprache an den Pranger gestellt. Ein Kollege berichtete mir, dass ihm das bereits drei mal passiert sei –  mit Bild. Er sei daraufhin sogar auf der Straße angepöbelt worden.