Archiv für den Monat: März 2013

Ecuador, Bolivia

Ein paar frische Impressionen meiner jüngsten Südamerika-Reise für die DW-Akademie: Erst ging es nach Ecuador, wo die DW Akademie mit der Pontificia Universidad Católica (PUCE) und der Universidad Central (UCE) zwei recht unterschiedliche Projektpartner hat. Die PUCE ist eine jesuitische Universität – insofern dürfte dort die Freude über den neuen Papst ungefähr ebenso groß gewesen sein wie an der staatlichen UCE die Trauer über den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez (ein Plakat einer linken Gruppierung wies darauf hin, dass Chávez auf den Tag genau 60 Jahre nach Stalin gestorben ist, wenn das kein Zeichen wofür auch immer ist).

Beide Unis haben Kommunikationsstudiengänge (comunicación social), bisher auch beide mit einem Journalismus-Schwerpunkt. Derzeit ächzen alle Universitäten unter einer erstmals durchgeführten staatlichen Akkreditierung sowohl der Unis als auch aller Studiengänge. Die Spielregeln sind dabei offenbar nicht leicht zu durchschauen, aber das ist in den Bologna-Wirren ja auch oft so gewesen. Gerade für die staatlichen Universitäten steht viel auf dem Spiel: So fürchten einige Dozenten, dass die Akkreditierung als Anlass auch für die Neuverteilung von Ressourcen genommen werden könnte – und ungeliebte Unis, Fakultäten oder Studiengänge geschlossen werden könnten.

Ob es auch dem medienfeindlichen Klima der Correa-Regierung geschuldet ist, vermag ich nicht zu sagen, aber die Universidad Central geht mit der Entscheidung in die Akkreditierung, den Journalismus-Schwerpunkt zu eliminieren und nur noch mit einem allgemeinen Studiengang „comunicación social“ weiter zu machen. Ein Grund ist, dass die Mehrheit der Dozenten diese Spezialisierung oder auch ihren Ausbau ablehnen, weil sie als Vertreter von Sprach- und Literaturwissenschaft um ihre Lehranteile fürchten. Den Journalismus-Dozenten dagegen ist durchaus bewusst, dass eine stärkere Profilierung an den Anforderungen des Arbeitsmarktes sinnvoll und von den Studenten durchaus nachgefragt ist.

An der PUCE geht man einen anderen Weg: Der bisherige Journalismus-Schwerpunkt bleibt bestehen und wird formal zum eigenen Studiengang erklärt. Dabei bleibt das Studienprogramm erhalten, so dass die Spezialisierung weiterhin erst in den letzten Semestern zum Tragen kommt. Nachteil für die Studenten: Sie entscheiden sich bereits mit der Einschreibung für Journalismus, bekommen aber faktisch erst ab dem fünften Semester erstmals tatsächlich berufsbezogene Veranstaltungen. Und auch an der PUCE ist der literaturwissenschaftliche und linguistische Schwerpunkt stark in der Dozentenschaft verankert, die sich mehrheitlich gegen eine stärkere Orientierung an konkreten Berufsfeldern wenden.

In Bolivien gibt es an den in der Asociación Boliviana de Carreras de Comunicación Social (ABOCCS) zusammengeschlossenen Universitäten eine Furcht vor der Ausweisung eines expliziten Journalismus-Studiengangs – ein solcher sei nach aller Erfahrung in Bolivien nicht marktfähig, so die einhellige Meinung. Im Workshop mit den Studiengangsleitern ging es dann um die Möglichkeiten, Studiengänge an Kompetenzen auszurichten. Die Spielräume für Reformen sind allerdings an den einzelnen Universitäten unterschiedlich: Die staatlichen Universitäten sind in der schwierigen Lage, dass bei allen wichtigen Entscheidungen Dozenten, Studierende und ihre jeweiligen Gewerkschaften mit ins Boot zu holen sind. „Resistencia al cambio“ – Widerstand gegen Veränderungen – ist dabei das Hauptproblem: Tendenziell neigt das System dazu, sich selbst zu reproduzieren.

Private Universitäten haben da mehr Freiheiten – für sie ist allerdings eine explizite Journalistenausbildung ein wenig attraktiver Markt, was wiederum mit dem Arbeitsmarkt für Journalisten zusammenhängt. PR-Leute werden eher gesucht und besser bezahlt, oft auch von NGOs und Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit.

Eine grundsätzliche Erfahrung: In beiden Ländern ist die Skepsis groß, Studierende in den ersten Semester bereits praktisch arbeiten zu lassen. Formate wie die bei uns üblichen Textwerkstätten oder Projekte halten viele Dozenten für nicht realisierbar. Und wenn, dann erst nach mehreren Semestern Linguistik, Semiotik, Literatur und Geschichte. Das scheint aber auch ein grundlegendes Problem der Lehre zu sein: Die Zahl aufgeschlossener und mit digitaler Technik souverän umgehenden Dozenten ist noch zu gering; und, zugegeben, manche Unis sind auch nicht so ausgestattet, dass solche Projekte problemlos umzusetzen wären. Zugleich wird aber auch beklagt, dass es mehr und intensivere Kooperationen mit Verlagen und Medien geben könnte. Ansatzpunkte für eine Stärkung der Journalistenausbildung gibt es also.

Mein herzlichster Dank geht an die Kollegen Oliver Pieper und Peter Deselaers, die die DW-Akademie in Ecuador und Bolivien vertreten.