Archiv für den Monat: September 2012

Colombia, Nicaragua, Ecuador

Ich schulde noch einen Bericht über meine jüngste Lateinamerika-Tournee aus beruflicher Perspektive: Im August war ich zunächst in Kolumbien unterwegs und habe dort unter anderem meinen geschätzten Freund, Kollegen und Co-Autor Ignacio Gómez wiedergetroffen. Dann ging es für die DW-Akademie für eine Woche nach Nicaragua, anschließend ebenfalls für eine Woche nach Ecuador, um mich dort jeweils mit Kollegen von unterschiedlichen Universitäten auszutauschen. Aber der Reihe nach:

Kolumbien

Nach vielen Jahren eine kleine Heimkehr. Der Co-Autor meines Mauss-Buches, Ignacio Gómez, ist als Subdirector der Nachrichtensendung Noticias Uno inzwischen zum Fernsehen gewechselt, und immer noch vom gleichen Investigativgeist beseelt, trotz aller Risiken (inzwischen mit Leibwächtern zumindest aus staatlicher Sicht pro forma geschützt). Noticias Uno, mit Sendungen am Samstag und Sonntag, gilt als DAS investigative Fernsehformat in Kolumbien. Ich durfte eine Produktion hinter den Kulissen begleiten – beeindruckend. Bei einem Besuch in Barranquilla (Hitze!) habe ich dann Jesús Arroyave kennengelernt, der an der Universidad del Norte die Kommunikationsstudiengänge leitet – eine Uni, die mit großem Engagement die Forschung vorantreibt. In Bogotá (bzw. in der Nähe von) habe ich später die Universidad de la Sabana besucht und Victor García Perdomo getroffen, den ich aus alten Zeiten von El Espectador und aus seinem Heimatort Yaguará (Hitze!) kenne. Er leitet an der Universidad de la Sabana die Journalistik-Abteilung, die mit einer Technikausstattung vom Feinsten aufwartet (Steve Jobs hätte sich gefreut), und auch sonst einen sehr überzeugenden Eindruck macht.

Nicaragua

Hier war ich mit Ramón García-Ziemsen von der DW-Akademie an der Universidad de Managua, wo ich auch schon im vergangenen Jahr einen Workshop hatte. Die Uni ist zwar privat, aber nicht elitär –  ein ungewöhnliches Modell. Die niedrigen Studiengebühren und vielen Stipendien gehen da zwangsläufig mit einem extrem reduzierten Personalaufwand einher. 10.000 Studenten werden mit weniger als zehn Festangestellten im akademischen Bereich bewältigt – die Lehre machen vor allem Lehrbeauftragte. Mit den Dozenten ging es im Workshop um die nächsten Schritte zur Umsetzung eines neuen Curriculums im Fach Journalismus. Sehr erfreulich: Die Kollegen sind engagiert und möchten trotz der schwierigen Umstände ein vernünftiges Studium auf die Beine stellen. Klar, auch in Managua: Hitze.

Ecuador

Hier habe ich in Quito mit Gitti Müller und Oliver Pieper von der DW-Akademie die Universidad Católica (PUCE) und die Universidad Central (UCE) besucht. Beide Unis bieten Studiengänge in Comunicación Social an, jeweils auch mit einem Schwerpunkt Journalismus. In den Curricula schlägt sich das unterschiedlich nieder: An der PUCE findet Journalismus schon einigermaßen früh statt, auch mit praktischen Anteilen. An der staatlichen UCE kommt es relativ spät zur Ausdifferenzierung, die eigentlichen Schwerpunktveranstaltungen finden quasi nur in den letzten zwei Semestern (von neun) statt. Beide Unis legen eine breite Grundlage in Geschichte, Semiotik, Kommunikationstheorie, Literatur – und haben sehr unterschiedliche technische Voraussetzungen für eine praktische Ausbildung. Während die staatliche UCE zwar über einen eigenen Radiosender verfügt (allerdings mit minimalistischer Ausstattung), kann die private PUCE einen durchaus brauchbaren Pool an TV-Kameras und Schnittplätzen vorweisen.

In allen Ländern ist die Arbeitssituation für Journalisten – gerade auch für Einsteiger – schwierig. Niedrige Einkommen sind die Regel, oft ist der Schritt in die PR dann verlockender. Zeit für Recherche bleibt oft nicht. Dazu kommt, dass viele Medien dazu eingesetzt werden, wirtschaftliche und politische Interessen zu bedienen. Viele Herausforderungen also für eine universitäre Journalistenausbildung, die die gesellschaftliche Relevanz des Journalismus herausstellen möchte.