Bolivianische Notizen, 2012

Ich bin gerade aus Bolivien zurückgekehrt, wo ich gemeinsam mit Peter Deselaers für die DW-Akademie in Cochabamba einen Workshop mit den Leitern von Kommunikationsstudiengängen gemacht habe. Wie bereits im vergangenen Jahr war es eine intensive und fruchtbare Woche rund um die Entwicklung neuer Curricula. Beeindruckend ist, wie offen und konstruktiv die Vertreterinnen und Vertreter sehr unterschiedlicher Universitäten in Bolivien an ihren Fragen arbeiten und sich dabei gegenseitig stützen und beraten – das findet man in Deutschlands Hochschullandschaft auch nicht überall.

Eine zentrale Frage, die die bolivianischen Kollegen umtreibt, ist, wie sich die Kommunikationsstudiengänge nach Kompetenzen umstrukturieren lassen – also von der Definition von Lehrinhalten hin zu Lernzielen. Die Rahmenbedingungen sind dabei sehr unterschiedlich. In staatlichen Universitäten mit hohem Einfluss von Studierendenvertretungen und Dozentengewerkschaften sind Reformen vor allem eine politische Herausforderung. Bei privaten Universitäten ist die Akkreditierung durch staatliche Institutionen die entscheidende Hürde: Es gibt Unsicherheit darüber, wie genau neue Curricula definiert sein müssen. Im Zweifel geht der Trend eher dazu, lieber mehr Details zu regeln und festzuschreiben – und sich so für Jahre an einen Lehrplan zu binden. Ich hoffe, dass unser Workshop auch ein wenig dazu beigetragen hat, einen neuen Mut zum Pragmatismus zu finden.

Journalismus gibt es zumindest bei den im Workshop vertretenen Universitäten nicht als eigenständiges Studium. Die Studiengänge firmieren, wie in Lateinamerika üblich, zumeist unter „Comunicación social“ und verbinden dabei die Themen Journalismus, PR und Medienproduktion, teilweise auch Marketing. Geschuldet ist das auch dem engen Arbeitsmarkt: Eine Spezialisierung könnte den Spielraum der Absolventen unnötig einschränken, so die Befürchtung. Nach meiner Beobachtung fehlt auch ein wenig Mut, sich mit eigenem Profil durchzusetzen – was nunmal Spezialisierungen erfordert, die sich auch in den Abschlüssen oder in zertifizierten Schwerpunkten niederschlagen.

Klar ist aber auch, dass die Ressourcen der meisten Hochschulen sehr begrenzt sind. Beispiel: In der gastgebenden staatlichen Universidad Mayor de San Símon ist ein einziger Vollzeit-Professor für rund 1700 Kommunikations-Studierende zuständig, die Lehre wird überwiegend von Dozenten mit Lehrbeauftragtenstatus getragen, einige davon mit einem unbefristeten Vertrag, in denen auch das jeweilige Unterrichtsfach auf ewig festgeschrieben ist (was im Falle von Reformen nicht unbedingt von Vorteil sein muss). Die Folge sind Gruppengrößen von zum Teil über 100 Studierenden, auch für Praxisseminare. An einigen Universitäten gehen die Kollegen die Herausforderungen offensiv an: Durch Didaktik-Workshops für die Dozenten, aber auch – soweit möglich – die Einführung von Parallelkursen, um die Gruppengrößen auf ein vertretbares Maß zu bringen.

Alles in allem: Eine auch für mich sehr lehrreiche Woche. Dank geht vor allem an Peter Deselaers von der DW-Akademie, die Kollegen aus der Asociación Boliviana de Carreras de Comunicación Social (ABOCCS), aber auch an Gunnar Zapata von der Universidad Mayor de San Símon für die Gelegenheit, dort einen Gastvortrag vor vollem Auditorium zu halten.

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