Archiv für den Monat: März 2012

Gastspiel in Fulda: Fakten und Fakes im Internet

In dieser Woche habe ich mal kurz die Hochschule gewechselt und für einen Gastvortrag an der Hochschule Fulda vorbeigeschaut, eingeladen vom Kollegen Marc Birringer vom Fachbereich Oecotrophologie. Wir haben eine ganze Reihe Gemeinsamkeiten zwischen unseren Studiengängen Wissenschaftsjournalismus und Oecotrophologie festgestellt: Die Studierenden befassen sich in beiden Fällen viel mit aktuellen wissenschaftlichen Fragen, die große Zielgruppen interessieren. Die kritische Beurteilung von Quellen spielt eine große Rolle, aber auch der Aspekt der Kommunikation. Mein kleiner Input befasste sich mit dem Internet als Informationsmedium – den Stärken und Fallstricken der Onlinekommunikation.

Bemerkenswert ist das Konzept des Projektstudiums, mit dem die Kollegen in Fulda sehr gute Erfahrungen machen: Vom ersten bis zum dritten Semester bearbeiten die Studierenden durchgängig und in kleinen Teams ein Thema, führen Literaturrecherchen und Laborstudien durch, formulieren Forschungsanträge und publizieren. In vielem ist die Arbeitsweise ähnlich wie in unseren Praxisprojekten – die lange Dauer der Projekte ist jedoch ein wesentlicher Unterschied. Auf jeden Fall ist es interessant zu sehen, wie solche Lernformen auch in naturwissenschaftlich geprägten Studiengängen als zentraler Bestandteil eingebaut werden können.

Bolivianische Notizen, 2012

Ich bin gerade aus Bolivien zurückgekehrt, wo ich gemeinsam mit Peter Deselaers für die DW-Akademie in Cochabamba einen Workshop mit den Leitern von Kommunikationsstudiengängen gemacht habe. Wie bereits im vergangenen Jahr war es eine intensive und fruchtbare Woche rund um die Entwicklung neuer Curricula. Beeindruckend ist, wie offen und konstruktiv die Vertreterinnen und Vertreter sehr unterschiedlicher Universitäten in Bolivien an ihren Fragen arbeiten und sich dabei gegenseitig stützen und beraten – das findet man in Deutschlands Hochschullandschaft auch nicht überall.

Eine zentrale Frage, die die bolivianischen Kollegen umtreibt, ist, wie sich die Kommunikationsstudiengänge nach Kompetenzen umstrukturieren lassen – also von der Definition von Lehrinhalten hin zu Lernzielen. Die Rahmenbedingungen sind dabei sehr unterschiedlich. In staatlichen Universitäten mit hohem Einfluss von Studierendenvertretungen und Dozentengewerkschaften sind Reformen vor allem eine politische Herausforderung. Bei privaten Universitäten ist die Akkreditierung durch staatliche Institutionen die entscheidende Hürde: Es gibt Unsicherheit darüber, wie genau neue Curricula definiert sein müssen. Im Zweifel geht der Trend eher dazu, lieber mehr Details zu regeln und festzuschreiben – und sich so für Jahre an einen Lehrplan zu binden. Ich hoffe, dass unser Workshop auch ein wenig dazu beigetragen hat, einen neuen Mut zum Pragmatismus zu finden.

Journalismus gibt es zumindest bei den im Workshop vertretenen Universitäten nicht als eigenständiges Studium. Die Studiengänge firmieren, wie in Lateinamerika üblich, zumeist unter „Comunicación social“ und verbinden dabei die Themen Journalismus, PR und Medienproduktion, teilweise auch Marketing. Geschuldet ist das auch dem engen Arbeitsmarkt: Eine Spezialisierung könnte den Spielraum der Absolventen unnötig einschränken, so die Befürchtung. Nach meiner Beobachtung fehlt auch ein wenig Mut, sich mit eigenem Profil durchzusetzen – was nunmal Spezialisierungen erfordert, die sich auch in den Abschlüssen oder in zertifizierten Schwerpunkten niederschlagen.

Klar ist aber auch, dass die Ressourcen der meisten Hochschulen sehr begrenzt sind. Beispiel: In der gastgebenden staatlichen Universidad Mayor de San Símon ist ein einziger Vollzeit-Professor für rund 1700 Kommunikations-Studierende zuständig, die Lehre wird überwiegend von Dozenten mit Lehrbeauftragtenstatus getragen, einige davon mit einem unbefristeten Vertrag, in denen auch das jeweilige Unterrichtsfach auf ewig festgeschrieben ist (was im Falle von Reformen nicht unbedingt von Vorteil sein muss). Die Folge sind Gruppengrößen von zum Teil über 100 Studierenden, auch für Praxisseminare. An einigen Universitäten gehen die Kollegen die Herausforderungen offensiv an: Durch Didaktik-Workshops für die Dozenten, aber auch – soweit möglich – die Einführung von Parallelkursen, um die Gruppengrößen auf ein vertretbares Maß zu bringen.

Alles in allem: Eine auch für mich sehr lehrreiche Woche. Dank geht vor allem an Peter Deselaers von der DW-Akademie, die Kollegen aus der Asociación Boliviana de Carreras de Comunicación Social (ABOCCS), aber auch an Gunnar Zapata von der Universidad Mayor de San Símon für die Gelegenheit, dort einen Gastvortrag vor vollem Auditorium zu halten.

Vortrag: Wie Leser lesen

Lesen ist komplex: Wenn vom Zeitunglesen oder der Nutzung von Websites die Rede ist, verbirgt sich dahinter ein Prozess aus Orientierungsleistungen, Selektion und dann dem eigentlichen Lesen, das mitunter weniger linear verläuft, als es sich der Schreiber wünscht. Ein paar Forschungsergebnisse dazu stelle ich am Mittwoch, 7. März, in einem Vortrag vor: „¿Cómo leen los lectores de periódicos impresos y online?“. Spanisch, weil in Cochabamba, Bolivien, an der Universidad Mayor de San Símon. Beginn: 19 Uhr, Ortszeit.