Die Bescheidwisser

Zugegeben, ein leichtes Schaudern hatte ich schon beim Titel: “Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus”, die neue und erweiterte Auflage des, ähem, “Klassikers” von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue. Jetzt also erweitert um Online-Journalismus, der entweder aus Gründen des Marketings auch in den Titel musste – oder um ihn noch mal vom “richtigen” Journalismus abzugrenzen.

Die Erwartungen sind erfüllt: Das Kapitel Online-Journalismus ist gleich vorne zwischen “Die Journalisten” und “Schreiben und Redigieren” gequetscht, ohne dass es irgend eine Systematik dafür zu erkennen gibt. Das Internet, so erfahren wir, ist zunächst einmal irgendwie böse – vor allem, weil es unübersichtlich ist:

“Das Internet gaukelt den Menschen vor, sie könnten alles erfahren, billig und schön. Doch sie erkennen nicht, was wahr ist und was falsch, sie kennen die Interessen nicht hinter der Auswahl, sie kapitulieren vor der schieren Fülle und langweilen sich über unattraktive Präsentationen mit flauen Bildern und irritierender Werbung. Die meisten Bürger haben weder Zeit noch Lust, stundenlang nach der Wahrheit zu suchen.”

Sicher eine Erfahrung, mit der so mancher Volkshochschul-Referent im Kurs “Internet für Senioren I” konfrontiert ist. Aber so hilflos sind “die meisten Bürger” dann doch nicht – und schon gar nicht die Zielgruppe derer, die sich über das Berufsfeld informieren möchten.

“Die Fülle von Informationen verführt dazu, sich nur nützliche Nachrichten zeigen zu lassen. Eine Suchmaschine analysiert, für was sich ein Nutzer interessiert, sortiert es für ihn in Schubladen und bietet ihm immer mehr vom Gleichen an.”

Mhm. Es gibt also zu viele Informationen im Netz, aber auswählen darf man auch nicht, sondern muss sich aus demokratietheoretischen Gründen das ganze Internet durchlesen. Und: Welche Suchmaschine ist gemeint?

Wie man Informationen richtig bearbeitet, zeigen die beiden journalistischen Haudegen dann im Abschnitt “Wie arbeitet eine Online-Redaktion?” am praktischen Beispiel: Thomas Knüwer, eingeführt als Ex-Handelsblatt-Redakteur, wird mit den Worten zitiert: “Online-Redakteure sind die dummen Textschrubber, die nichts können.” Damit wird er zum Beispiel für diejenigen Printkollegen auserkoren, die auf die Onliner herabblicken. Dumm nur, dass das korrekte Zitat lautet: “Aber Onliner sind aus Sicht vieler Printkollegen nur die dummen Textschrubber, die nichts können.” Mit dem ersten Zitat wäre Knüwer vermutlich nicht Chefredakteur der ersten deutschen Wired-Ausgabe geworden.

Weiter gehts. Die beiden Autoren Schneider und Raue

  • verwechseln Tweet und Twitter,
  • reden von “Blog und Twitter”, wenn Sie Blogs und Twitter meinen,
  • vermuten, dass “Webcrowler” die Programme der Suchmaschinen sind, die die Rangliste bestimmen,
  • kennen nicht den Unterschied zwischen den Begriffen Public Relations und Corporate Publishing.

Aber sie haben natürlich einen Rat für “junge Leute, die Journalisten werden sollen (sic)”:

“Studiert erstens zügig und zweitens etwas Handfestes, worüber Bescheid zu wissen dem Journalisten und seinen Lesern nützt – also nicht Germanistik, Literaturwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Soziologie!”

Im Serviceteil dann die uralte Warnung: “In Redaktionen werden akademische Abschlüsse im Journalismus allerdings nach wie vor nicht hoch geachtet.” Immerhin sind auch die Darmstädter Studiengänge Online-Journalismus und Wissenschaftsjournalismus in der – nicht sehr gründlich recherchierten – Übersicht der Journalistik-Studiengänge erwähnt. Ganz so schlimm kann es dann doch nicht sein (und unsere Absolventen kennen den Unterschied zwischen Twitter und Tweet).

Der Bescheidwisser-Ton der beiden ist im neuen Kapitel Online-Journalismus noch mal eine Spur nerviger als in den alten Auflagen zu den alten Themen. In Anbetracht des Wandels im Journalismus sind  vermeintliche Wahrheiten dieser Art ähnlich wie Bauernregeln: Man weiß zwar nicht, warum es um einen herum stürmt, zimmert sich aber ein paar Glaubensätze, die nicht immer eine innere Logik haben müssen. Und der Jungbauer staunt.

Schade, dass das Buch auch von der Bundeszentrale für politische Bildung verbreitet wird. Die kennen sich eigentlich besser aus im Journalismus.

41 Gedanken zu „Die Bescheidwisser

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  3. struppi

    Es ist immer schön zu lesen, wenn alte Welt auf neue trifft. Glücklicherweise gibt’s überall kluge und dumme Leute.

    Aber in der alten Welt, hätte ich eine Rezension über so ein Buch nie gelesen. Danke, Twitter :-)

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  4. Thomas

    “Doch sie erkennen nicht, was wahr ist und was falsch, sie kennen die Interessen nicht hinter der Auswahl, sie kapitulieren vor der schieren Fülle und langweilen sich über unattraktive Präsentationen mit flauen Bildern und irritierender Werbung.”

    Ehrlich gesagt beschreibt das ziemlich exakt mein Leseerlebnis einer gewöhnlichen Tageszeitung oder eines Magazins…

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  7. Thomas Mrazek

    Ich war wohl zu euphorisch, als ich das Werk zum ersten Mal in den Händen hielt – wow, so viel Information, das muss doch wirklich was taugen. Peter Schumachers Rezension spricht da -leider und weitestgehend zurecht – eine andere Sprache. Mit dem Online-Teil war ich auch nicht glücklich, herrje, hätten sie doch Onliner (auch von Hochschulen) eingebunden. Ganz in die Tonne treten – was Schumacher freilich auch nicht getan hat – würde ich das Buch nun auch nicht, es bietet dennoch einige lesenswerte Abschnitte.

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  9. Frank Kemper

    Wolf Schneider unterliegt leider der Berufskrankheit, die viele prominente Journalisten befallen hat, er weiß nicht, wann es Zeit ist aufzuhören. Der Mann ist Jahrgang ’25, er wird im Mai 87. Würde man ihn mit anderen Bundesbürgern im Seniorenalter vergleichen, müsste man ihm hoch anrechnen, dass er sich für einen Hochbetagten mit Computern recht gut auskennt. Doch für einen Sachbuchautor reicht das nicht. Das erste Wolf-Schneider-Buch habe ich vor 25 Jahren im Studium gelesen – schon damals enthielt es einige inhaltliche Ungereimtheiten bei damals ganz aktuellen Themen.

    Ich finde es ärgerlich und beschämend, wenn ein solcher Mann so lange weiter macht, bis er sich lächerlich macht. Bei weniger prominenten Kollegen könnte ich noch verstehen, dass es die Geldnot ist, die sie in diesem Alter noch an die Schreibmaschine treibt. Aber Schneider? Wenn der seine Schäfchen nicht im Trockenen hat, wer dann?

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  10. dot tilde dot

    “das internet gaukelt den menschen vor, sie könnten alles erfahren, billig und schön. doch sie erkennen nicht, was wahr ist und was falsch, sie kennen die interessen nicht hinter der auswahl, sie kapitulieren vor der schieren fülle und langweilen sich über unattraktive präsentationen mit flauen bildern und irritierender werbung. die meisten bürger haben weder zeit noch lust, stundenlang nach der wahrheit zu suchen.”

    merke: wer sich ins internet begibt, kommt darin um!!1!

    da haben wir es wieder. die allegorie vom kommunikationskanal als raum verwehrt den blick aufs überlebenswichtige. vertauschen sie in dem beispiel mal “internet” mit “telefon”. dass sich kommunikation über das netz auch gestalten lässt (sogar journalistisch?), fällt hier gar nicht weiter auf.

    für solche menschen zu schreiben, stelle ich mir irgendwie auch erniedrigend vor.

    .~.

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  11. pell

    Schneiders “Handbuch des Journalismus” hat mir persönlich sehr weitergeholfen. Ich kenne diese neue Ausgabe nicht, aber hätte nicht erwartet, dass er hier so viele inhaltliche Fehler machen würde. Ich habe dem Verlag daher einfach mal diesen Link zukommen lassen. Vielleicht liest dort jemand die E-Mails.

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  12. Dyrnberg

    Wahnsinn. Die Frage, die sich mir stellt, ist: War die frühere Auflage tatsächlich gut? Ich mein, wer so massiv unreflektiert ist, kann eigentlich auch klassische Medien doch nicht erschöpfend beschreiben, oder? Hier mangelt es doch an mehr als “nur” an technischem Verständnis.

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  14. Detlef Borchers

    @Dyrnberg Nein, schon die erste Auflage 1996 erntete ordentliche Kritik für den Unsinn über die “Schnellstraßen der Kommunikation” und die Abwertung dessen, was heute “Datenjournalismus” heißt.

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  16. Jens

    “Ich war wohl zu euphorisch, als ich das Werk zum ersten Mal in den Händen hielt – wow, so viel Information, das muss doch wirklich was taugen.”

    “Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, // Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.” – Faust I, Vers 2565 f. / Mephistopheles

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  17. Dirk Lübke, dapd

    Ich versuche es hier mit einer Fußnote, deren Form an anderer Stelle wohl auch wegen der Laenge Maxi-Tweet heißen dürfte. Nämlich: die gute, neue Netzwelt geht eben auch mit denen bisweilen gnadenlos um, die sich sehr verdient um Journalismus, um die Sprache, um die Ausbildung, um Weiterentwicklung gemacht haben und noch immer machen. Dass Wolf Schneider 86 Jahre alt ist, aendert nun wirklich nichts an seiner immer noch treffenden und trefflichen Sprachkritik. Schließlich hat Börsen-Guru Kostolany noch mit über 90 so viel Schlaues gesagt, dass Alter eher für Weisheit steht. Kurzum: Am 21. Maerz kommt Paul-Josef Raue zu uns in die dapd-Zentrale nach Berlin zum Kamingespraech ohne Kamin. Welche Fragen darf ich ihm aus diesem Forum übermitteln ? Und: Welches Standardwerk empfehlen Sie, liebe Kollegen?

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  18. Girolstein

    Schade, dass sich eigentlich hoch qualifizierte Journalisten durch ihre Verweigerung neuer Entwicklungen im Journalismus selbst ins Aus manövrieren. Sicherlich muss man nicht jedem Hype unterliegen, aber alles andere abzustrafen, was man selbst nicht kennt, ist schon Zeichen, dass man einer aussterbenden Generation angehört.

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  20. Zahnwart

    Nunja, die Kritik am Onlinejournalismus kann man teilen oder auch nicht. Das Zitat von Thomas Knüwer vollkommen sinnentstellend einzusetzen, kann man vielleicht noch als Beispiel für richtig schlechten Journalismus bringen. Der gönnerhafte Satz “Studiert erstens zügig und zweitens etwas Handfestes, worüber Bescheid zu wissen dem Journalisten und seinen Lesern nützt – also nicht Germanistik, Literaturwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Soziologie!” aber zieht mir in seiner stammtischsatten Antiintellektualität die Schuhe aus. So etwas liest man in der Regel im Kommentarbereich von Welt Online, wenn auf Leute eingeprügelt wird, die sich mit Dingen beschäftigen, die nicht primär kapitalistisch verwertbar sind, immer dann, wenn es um Kunst geht, um Theater, um größere gesellschaftliche Zusammenhänge, wie sie vom Blick des Volkswirtschaftlers nicht mehr erfasst werden. Im Kommentarbereich rechter Kampfblätter, okay – aber in einem Standardwerk für angehende Journalisten?

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  21. Stefan Oliver

    Ja, Kenntnisse über die deutsche Sprache, Literatur aus aller Welt, sowie das menschliche Innenleben und Miteinander sollte man tunlichst vermeiden. Das macht doch die eigene Welt so unnötig kompliziert.

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  24. Leonie Walter

    Wie ist es möglich, dass solche krassen Fehler in einem Buch stehen können? Gibt es bei dem Verlag keinen Lektor?

    Schade, ich habe Herrn Schneider immer sehr geschätzt. Aber der Kritik nach zu urteilen, ist dieses Buch – in Onliner-Sprache – wohl “#fail”.

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  26. Christiane Bischoff

    @Dirk Lübke:
    Ich glaube viele Fragen ergeben sich da nicht, es sind ja nun mal Fehler. Und warum da einige Dinge so schlecht recherchiert sind, braucht wohl niemand fragen.

    Außerdem: Warum muss es gerade im Online-Journalismus ein Standardwerk sein? Online lernen geht am besten online. Ansonsten bin ich ein großer Fan von Walther LaRoche (obowhl ich da icht die neuen Ausgaben kenne).

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  33. Angelika Knop

    Offenbar gibt es nicht nur bei Zeitungen, sondern auch bei Verlagen, keine Lektoren mehr. Wenn schon nicht den Autoren, dann hätten die Fehler doch anderen auffallen müssen. Manches war früher wohl doch besser:-)

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