Archiv für den Monat: Januar 2012

Die Bescheidwisser

Zugegeben, ein leichtes Schaudern hatte ich schon beim Titel: “Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus”, die neue und erweiterte Auflage des, ähem, “Klassikers” von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue. Jetzt also erweitert um Online-Journalismus, der entweder aus Gründen des Marketings auch in den Titel musste – oder um ihn noch mal vom “richtigen” Journalismus abzugrenzen.

Die Erwartungen sind erfüllt: Das Kapitel Online-Journalismus ist gleich vorne zwischen “Die Journalisten” und “Schreiben und Redigieren” gequetscht, ohne dass es irgend eine Systematik dafür zu erkennen gibt. Das Internet, so erfahren wir, ist zunächst einmal irgendwie böse – vor allem, weil es unübersichtlich ist:

“Das Internet gaukelt den Menschen vor, sie könnten alles erfahren, billig und schön. Doch sie erkennen nicht, was wahr ist und was falsch, sie kennen die Interessen nicht hinter der Auswahl, sie kapitulieren vor der schieren Fülle und langweilen sich über unattraktive Präsentationen mit flauen Bildern und irritierender Werbung. Die meisten Bürger haben weder Zeit noch Lust, stundenlang nach der Wahrheit zu suchen.”

Sicher eine Erfahrung, mit der so mancher Volkshochschul-Referent im Kurs “Internet für Senioren I” konfrontiert ist. Aber so hilflos sind “die meisten Bürger” dann doch nicht – und schon gar nicht die Zielgruppe derer, die sich über das Berufsfeld informieren möchten.

“Die Fülle von Informationen verführt dazu, sich nur nützliche Nachrichten zeigen zu lassen. Eine Suchmaschine analysiert, für was sich ein Nutzer interessiert, sortiert es für ihn in Schubladen und bietet ihm immer mehr vom Gleichen an.”

Mhm. Es gibt also zu viele Informationen im Netz, aber auswählen darf man auch nicht, sondern muss sich aus demokratietheoretischen Gründen das ganze Internet durchlesen. Und: Welche Suchmaschine ist gemeint?

Wie man Informationen richtig bearbeitet, zeigen die beiden journalistischen Haudegen dann im Abschnitt “Wie arbeitet eine Online-Redaktion?” am praktischen Beispiel: Thomas Knüwer, eingeführt als Ex-Handelsblatt-Redakteur, wird mit den Worten zitiert: “Online-Redakteure sind die dummen Textschrubber, die nichts können.” Damit wird er zum Beispiel für diejenigen Printkollegen auserkoren, die auf die Onliner herabblicken. Dumm nur, dass das korrekte Zitat lautet: “Aber Onliner sind aus Sicht vieler Printkollegen nur die dummen Textschrubber, die nichts können.” Mit dem ersten Zitat wäre Knüwer vermutlich nicht Chefredakteur der ersten deutschen Wired-Ausgabe geworden.

Weiter gehts. Die beiden Autoren Schneider und Raue

  • verwechseln Tweet und Twitter,
  • reden von “Blog und Twitter”, wenn Sie Blogs und Twitter meinen,
  • vermuten, dass “Webcrowler” die Programme der Suchmaschinen sind, die die Rangliste bestimmen,
  • kennen nicht den Unterschied zwischen den Begriffen Public Relations und Corporate Publishing.

Aber sie haben natürlich einen Rat für “junge Leute, die Journalisten werden sollen (sic)”:

“Studiert erstens zügig und zweitens etwas Handfestes, worüber Bescheid zu wissen dem Journalisten und seinen Lesern nützt – also nicht Germanistik, Literaturwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Soziologie!”

Im Serviceteil dann die uralte Warnung: “In Redaktionen werden akademische Abschlüsse im Journalismus allerdings nach wie vor nicht hoch geachtet.” Immerhin sind auch die Darmstädter Studiengänge Online-Journalismus und Wissenschaftsjournalismus in der – nicht sehr gründlich recherchierten – Übersicht der Journalistik-Studiengänge erwähnt. Ganz so schlimm kann es dann doch nicht sein (und unsere Absolventen kennen den Unterschied zwischen Twitter und Tweet).

Der Bescheidwisser-Ton der beiden ist im neuen Kapitel Online-Journalismus noch mal eine Spur nerviger als in den alten Auflagen zu den alten Themen. In Anbetracht des Wandels im Journalismus sind  vermeintliche Wahrheiten dieser Art ähnlich wie Bauernregeln: Man weiß zwar nicht, warum es um einen herum stürmt, zimmert sich aber ein paar Glaubensätze, die nicht immer eine innere Logik haben müssen. Und der Jungbauer staunt.

Schade, dass das Buch auch von der Bundeszentrale für politische Bildung verbreitet wird. Die kennen sich eigentlich besser aus im Journalismus.