Archiv für den Monat: März 2010

Kartoffeljournalismus im unteren Printmedien-Sektor

Vor dem Bratwurstjournalismus war der Kartoffeljournalist. So ließ jedenfalls Frank Schulz seinen Romanhelden Bodo Morten in „Morbus fonticuli“ sich selbst einordnen. Das 2002 erschienene Opus zeichnet sich durch vieles aus, vor allem aber dadurch, dass es einige sehr schöne Schilderungen über den Journalismus „im unteren Printmedien-Sektor“ (wie ein weiterer Akteur des Romans sich ausdrückt) in den 90er Jahren enthält. Bodo Morten nämlich steigt darin vom Praktikanten zum stellvertretenden Chefredakteur des „Elbe Echo“ auf, einem Anzeigenblatt im süderelbischen Hamburg. Eine besonders ungeliebte Aufgabe: Die „Frage der Woche“.

Man stand in der Fußgängerzone herum – Tasche, Kamera, Notizblock, Kugelschreiber, Regenschirm – und koberte sich ’nen Wolf, und wenn man endlich einen erwischt hatte, der nicht gleich „Keine Zeit!“ oder schlicht „Nein!“ rief und abdrehte, wenn man von schräg vorn in seine vorausberechnete Bahn eindrang und ihn – als erstes, immerhin hatte man Lehrgeld gezahlt – ums Einverständnis zum Foto fragte, machte der sich aus dem Staub – „Nee, nee, in die Zeitung, nee…“ Man mußte mindestens dreißig Mobeinheiten verfolgen, bis man drei verhaftet hatte. Und die stammelten dann meist ein und denselben Kram zusammen, so daß man auch noch Artikulationshilfe zu leisten hatte – und zwar ad hoc und nicht erst im Redaktionsbüro, damit nicht jede Woche wieder drei Leute anriefen und kreischten: „Hab ich nie gesagt! Ich kann mich ja nirgends mehr blicken lassen!“ (Seite 208)

Ein Lesetipp – ebenso wie die beiden anderen Bücher aus Schulz‘ Hagener Trilogie, „Das Ouzo-Orakel“ und „Kolks blonde Bräute“. Aber mit vorsichtiger Warnung: Nicht jeder findet das lustig.