Die Angst vorm richtigen Lesen im falschen (Medium)
Ob Jakob Nielsen weiß, was er mit “Studien” wie dieser oder jener angerichtet hat? Im Netz, so suggerieren es die bunten Bilder zum F-Shaped-Pattern, wird nicht gelesen. Das Auge des Nutzers hüpft unruhig über Absatzanfänge und Schlüsselwörter, kommt nicht in einen ruhigen Lesefluss. Der Leser scannt und skimmt, und wenn er liest, dauert das 25 Prozent länger.
Ein starkes Argument also für alle Kulturpessimisten, für die das Lesen von Gedrucktem die einzig gültige Rezeptionsform darstellt (siehe etwa hier). Jetzt herausgegriffen von der Zeit-Redakteurin Susanne Gaschke in ihrem Buch “Klick: Strategien gegen die digitale Verdummung”. Ja, darauf läuft das Netzlesen letztlich hinaus: Verdummung. Umso schöner, wie sich Felix Schwenzel damit in dieser ausführlichen Besprechung auseinandersetzt, um zu dieser feinen Eigenbeobachtung zu kommen:
gaschkes buch hat meine wahrnehmung verändert. neuerdings erwische ich mich manchmal beim lesen eines längeren textes am bildschirm, wie ich plötzlich das interesse am text verliere. ich denke dann an gaschke und ihre these, dass man bildschirm nicht ordentlich lesen könne, reisse mich zusammen und lese trotzig den text zuende. später fällt mir dann manchmal auf, dass mir das ebenso oft mit zeitungen oder büchern passiert. entweder bin ich schon total verblödet oder gaschke hat es tatsächlich geschafft meine aufmerksamkeit zu schärfen.
Eben, eben. Wer sagt denn, dass Zeitungen ganz anders gelesen werden? Dass hier das Auge im Selektionsprozess nicht auch hin- und herspringt? Dass Leser sich dabei nicht auch GEGEN das Lesen einzelner Texte entscheiden? Genauer: Sogar gegen das Lesen der meisten Texte einer Zeitungsausgabe?
Nielsens F-Shaped-Pattern ist eine Beobachtung aus unterschiedlichen Studien mit unterschiedlichen Zielen - das zeigt schon die kurze Beschreibung: “we recorded how 232 users looked at thousands of Web pages”. Ein konsistentes Setting zur gezielten Beantwortung der Lese-Frage sieht anders aus: Nutzungsmotivation, Aufgabenstellung, Auswahl der Stimuli - all das kennen wir nicht. Gleichwohl ist das F-Shaped-Pattern für Selektionsprozesse beim Lesen plausibel.
Nur - warum sollte das bei einer Zeitung anders aussehen? Leider geben die Eyetracking-Tools bei Aufzeichnungen mit Printmedien keine so schönen Heatmaps aus. Die Blickverläufe zeigen aber ganz klar: Auch bei Zeitschriften und Zeitungen wird gescannt und geskimmt - sonst könnte die Rezeption auch nicht annähernd ökonomisch geschehen. Flüchtigkeit ist in vielen Rezeptionsphasen sinnvoll, nicht böse. Ob es da eine Veränderung im Zeitverlauf gegeben hat, ob früher in der Vor-Bildschirm-Ära anders gelesen wurde - dazu gibt es keine Erkenntnisse. Wahrscheinlich ist es aber nicht.
Insofern kann die Aufgabe für Medienmacher - egal ob Print oder Online - nur lauten: Macht die Angebote so, dass die Nutzer schnell und eindeutig selektieren können, ohne verwirrt und in die Irre geführt zu werden: Die Form ist Teil der journalistischen Funktion.
2 Fußnoten to “Die Angst vorm richtigen Lesen im falschen (Medium)”
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ben_ on 06 Feb 2010 at 7:54 am #
Etwas das Felix erwähnt hat, was hier ausgelassen wurde: Die eine Studie ist von 2006 und die andere von 1997. Selbst seit 2006 hat sich das Web dramatisch verändert, was Lesbarkeit betrifft, wie man nicht zuletzt an Blogs wie diesem hier sieht.
Ich kann zu dem Thema nur den Text Oliver Reichenstein empfehlen “100% easy to read”:
http://informationarchitects.jp/100E2R/
Dessen Maxime bspw. Zeit Online beim letzten Relaunch gefolgt ist – mit Erfiolg.
Zum anderen: Ich halte nichts von Nielsen. Ich habe nicht die allergeringste Ahnung, warum der von irgendjemandem ernst genommen wird. Dass seine Webseite jede Form von Lesbarkeit Hohn zeugt könnte ich zur Not ja noch verzeihen. Aber selbst seine gedruckten Bücher sind gestalterische Katastrophen.
Mario on 06 Feb 2010 at 1:36 pm #
Danke, für einen Beitrag dazu die ewig aufgeregte Holz/Onlinedebatte etwas rationaler anzugehen.
Zum F-shaped pattern, scannen und skimmen 1: Wir hatten - noch zu Schülerzeitungszeiten - mal eine kleine Einführung in Layoutbasics, das einzige was daraus bei mir hängengeblieben ist, ist die Annahme, dass der Leser jedesmal wenn er eine neue Doppelseite aufschlägt diese entlang einer Z-förmigen Linie scannt. Warum ein Z gut und ein F schlecht sein soll…
Zum F-shaped pattern, scannen und skimmen 2: Die drei in der Studie gezeigten Seiten haben eines gemeinsam: Sie zeigen Listen, keinen Fließtext. Und Listen sind doch gerade dazu da gescannt zu werden, gerade im Fall einer geordneten Liste (Google Suchergebnisse) wäre alles andere als scannen vergeudete Zeit.
Zu 25% mehr Leseaufwand: Overlay-Ads, Links ein Skyscraper, rechts ein Skyscraper, nach jedem Absatz ein Blocker, dazwischen noch amazon-Links und google-ads… alles blinkt und blitzt, ein Wunder, dass das Ausblenden dieses Werbefeuerwerks nur 25% mehr Lesezeit kostet.