Archiv für den Monat: Februar 2010

Vortrag in Leipzig: Design-Trends für die Zeitung von morgen

Am Montag spreche ich bei einer Tagung des Instituts für praktische Journalismusforschung in Leipzig über „Design-Trends crossover – wie gestalten wir die Zeitung in Zukunft?“ Die Tagung (Programm) befasst sich mit Erkenntnissen der Leseforschung und ihren Ableitungen für die Produktion gedruckter und digitaler Medien.

Ein Schwerpunkt sind dabei Ergebnisse aus Eyetracking-Studien – und dafür sind ein paar gute Leute eingeladen, zum Beispiel Kenneth Holmqvist vom Humanities Lab der Universität Lund (Schweden) und Regina McCombs vom amerikanischen Poynter Institute. Wie sich Crossmedia in der Praxis umsetzen lässt, erklärt Peter Schink (mediati). Ein Fallbeispiel liefert Jan Paul van der Wijk vom niederländischen NRCNext. Die Leipziger Kollegen stellen Ergebnisse ihrer Nutzungsstudien vor.

Die Angst vorm richtigen Lesen im falschen (Medium)

Ob Jakob Nielsen weiß, was er mit „Studien“ wie dieser oder jener angerichtet hat? Im Netz, so suggerieren es die bunten Bilder zum F-Shaped-Pattern, wird nicht gelesen. Das Auge des Nutzers hüpft unruhig über Absatzanfänge und Schlüsselwörter, kommt nicht in einen ruhigen Lesefluss. Der Leser scannt und skimmt, und wenn er liest, dauert das 25 Prozent länger.

Ein starkes Argument also für alle Kulturpessimisten, für die das Lesen von Gedrucktem die einzig gültige Rezeptionsform darstellt (siehe etwa hier). Jetzt herausgegriffen von der Zeit-Redakteurin Susanne Gaschke in ihrem Buch „Klick: Strategien gegen die digitale Verdummung“. Ja, darauf läuft das Netzlesen letztlich hinaus: Verdummung. Umso schöner, wie sich Felix Schwenzel damit in dieser ausführlichen Besprechung auseinandersetzt, um zu dieser feinen Eigenbeobachtung zu kommen:

gaschkes buch hat meine wahrnehmung verändert. neuerdings erwische ich mich manchmal beim lesen eines längeren textes am bildschirm, wie ich plötzlich das interesse am text verliere. ich denke dann an gaschke und ihre these, dass man bildschirm nicht ordentlich lesen könne, reisse mich zusammen und lese trotzig den text zuende. später fällt mir dann manchmal auf, dass mir das ebenso oft mit zeitungen oder büchern passiert. entweder bin ich schon total verblödet oder gaschke hat es tatsächlich geschafft meine aufmerksamkeit zu schärfen.

Eben, eben. Wer sagt denn, dass Zeitungen ganz anders gelesen werden? Dass hier das Auge im Selektionsprozess nicht auch hin- und herspringt? Dass Leser sich dabei nicht auch GEGEN das Lesen einzelner Texte entscheiden? Genauer: Sogar gegen das Lesen der meisten Texte einer Zeitungsausgabe?

Nielsens F-Shaped-Pattern ist eine Beobachtung aus unterschiedlichen Studien mit unterschiedlichen Zielen – das zeigt schon die kurze Beschreibung: „we recorded how 232 users looked at thousands of Web pages“. Ein konsistentes Setting zur gezielten Beantwortung der Lese-Frage sieht anders aus: Nutzungsmotivation, Aufgabenstellung, Auswahl der Stimuli – all das kennen wir nicht. Gleichwohl ist das F-Shaped-Pattern für Selektionsprozesse beim Lesen plausibel.

Nur – warum sollte das bei einer Zeitung anders aussehen? Leider geben die Eyetracking-Tools bei Aufzeichnungen mit Printmedien keine so schönen Heatmaps aus. Die Blickverläufe zeigen aber ganz klar: Auch bei Zeitschriften und Zeitungen wird gescannt und geskimmt – sonst könnte die Rezeption auch nicht annähernd ökonomisch geschehen. Flüchtigkeit ist in vielen Rezeptionsphasen sinnvoll, nicht böse. Ob es da eine Veränderung im Zeitverlauf gegeben hat, ob früher in der Vor-Bildschirm-Ära anders gelesen wurde – dazu gibt es keine Erkenntnisse. Wahrscheinlich ist es aber nicht.

Insofern kann die Aufgabe für Medienmacher – egal ob Print oder Online – nur lauten: Macht die Angebote so, dass die Nutzer schnell und eindeutig selektieren können, ohne verwirrt und in die Irre geführt zu werden: Die Form ist Teil der journalistischen Funktion.