Archiv für den Monat: Februar 2008

Relaunch und Revolution

Zeit.de hat ein Lifting bekommen – von Relaunch kann man wohl nicht sprechen. Die Seite ist jetzt klarer gegliedert, besser scannbar. Die linke Spalte funktioniert jetzt zwar besser, aber noch lange nicht optimal. Der Gemischtwarenladen aus redaktionellen Promos, Inhalten und Werbung bleibt undurchschaubar. Davon abgesehen: Sowas erwartet der Leser nun mal rechts oder alternativ rechts und links.

Ich freu mich schon auf die ersten Kommentare hier, in denen gemotzt wird, dass zeit.de so aussieht, wie alle anderen auch. Mein Lieblingsargument, denn wie klasse eine radikal andere Aufmachung für Newssites funktioniert, zeigt uns das ebenfalls aus dem Hause Holtzbrinck stammende zoomer.de – nämlich gar nicht.

Zoomer ist, als würde man einfach mal eine Zeitung ohne Überschriften und ohne durchs Layout vermittelte klare Hierarchisierung machen. Gab es ja schon mal. Ist aber 400 Jahre her.

Bild, bewegt

Es soll ja Menschen geben, die die Videofunktion ihres neuen Mobiltelefons mal auf Partys ausprobieren und dabei Leute filmen, die das eigentlich nicht wollen. Die andere dumm von der Seite anquatschen, ihnen die Linse ins Gesicht drücken, ein paar dumme Fragen stellen, einfach um mal zu zeigen, wie toll das Gerät Bild und Ton aufnimmt. In einigen Fällen wird dann das Video auch noch auf Youtube oder so hochgeladen und der Link an Freunde und Bekannte verschickt. Insgesamt eine Mischung aus Spieltrieb, Technikfaszination und Spaß an der Imitation vermeintlicher journalistischer Praxis. Insofern ist das hier wohl ganz normal.

Publizistische Gewaltenteilung

Wolfgang R. Langenbucher, Doyen der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft, weist im Blog der Fachzeitschrift Message auf ein in der Tat erstaunliches Debattendefizit hin: Was bedeutet es kommunikationspolitisch, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen (hier: WDR) im Internet mit Zeitungen (hier: WAZ) zusammenarbeitet? Muss man das eigentlich gut finden? Und: Muss die Politik dazu Ja und Amen sagen?

Nein, findet Langenbucher. Seine Warnung: Die publizistische Gewaltenteilung ist gefährdet – und er setzt auf das Bundesverfassungsgericht.

Lesen!

Lesezimmer

Ein neues, interessantes Angebot bringt die FAZ an den Start: Im „Reading Room“ werden die Folgen der aktuellen Fortsetzungsromane vorgelesen – anzuschauen als Video oder als mp3-Download. Experten dürfen kommentieren, Leser dürfen zu einer täglichen Leitfrage Stellung nehmen. Eine interaktive Zeitleiste zur Handlung ergänzt das Angebot. So weit, so schick: Ein guter Versuch, die Kompetenz im Bereich Literatur auf das Internet zu übertragen und mit dem Print zu verzahnen. Nutzt sehr schön den auch nicht mehr ganz neuen Trend zum Hörbuch, funktioniert gut als Archiv, wenn jemand nicht täglich in der Zeitung den Roman mit verfolgt.

Genug gelobt. Ein paar kritische Anmerkungen:

  • Ich bin skeptisch, was Quantität und Qualität der Nutzerbeteiligung betrifft. Diskussionen anhand von einzelnen Romanfolgen in Gang zu bringen, wird – so vermute ich – nur bei wirklich kontroversen Themen gelingen bzw. bei solchen, wo der extremistische Webpöbel sich wichtig tun will.
  • Die Umsetzung erfolgt offenbar nicht im üblichen CMS der FAZ, das für seine überlangen URLs berüchtigt ist, die man dreimal um den Screen wickeln muss, damit sie nicht wie Luftschlangen in der Gegend rumhängen. Jetzt also kurze, sprechende URLs. Funktioniert die Anbindung an das zentrale CMS über eine smarte Schnittstelle? Oder muss jemand die Schaufel in die Hand nehmen, um Texte umzuheben? Derzeit finden sich die Texte des Reading Rooms nicht alle über die Volltextsuche.
  • Die Steuerungsmöglichkeiten im Angebot (Steuerung des Videos, Scrollen in der Zeitleiste) sind stylish, haben aber Mängel in der Benutzbarkeit. Nicht alles, was gut aussieht, funktioniert auch gut.
  • „Reading Room“? Darf es zurzeit mal wieder englisch sein? Ok, Lesezimmer wäre auch blöd gewesen.
  • Wann gibt’s die Folgen als Podcast im iTunes-Store?

Es geht voran!

Um die Innovationskraft der deutschen Hochschulen mache ich mir keine Sorgen, seit ich heute im gedruckten (!) Newsletter der „AG Personal- und Organisationsentwicklung“ nachlesen konnte, welche Erfolge ein so modernes Instrument wie das Betriebliche Vorschlagswesen auch hier in Trier zeitigt:

„Die unzufriedene Situation bei der Rückgabe leerer Druckerpatronen an der Materialstelle hatten Frau S. und Herr Dr. V. zum Einreichen eines Verbesserungsvorschlages veranlasst. Sie regten an, für die Rückgabe der Druckerpatronen (insbesondere HP-Patronen) vor der Materialstelle eine entsprechend gekennzeichnete Sammelbox aufzustellen. Somit könnte die Rückgabe von den Öffnungszeiten der Materialstelle entkoppelt und unschöne Müllberge vor der Materialstelle vermieden werden. Die Umsetzung dieses Vorschlages ließ nicht lange auf sich warten. Leider konnten Frau S. und Herr Dr. V. ihre Anerkennungsurkunden nicht mehr persönlich entgegennehmen, da beide Ende 2007 aus der Universität Trier ausgeschieden sind und sich beruflich neu orientiert haben.“

Weitere Beispiele hier (pdf). Meine Lieblingsvorschläge sind 3 und 4.