Archiv für den Monat: Dezember 2007

Router und Scrawler

Wenn Journalisten das Internet erklärt wird, kann sich das bei der Akademie für Publizistik in einer Seminarausschreibung auch so anhören:

Alle reden übers Web 2.0. Viele verkünden die neue Online-Offensive. Alle wollen Content produzieren, der über verschiedene Kanäle in Echtzeit zu den Usern gestreamt wird. Wissen wir eigentlich, wovon wir da reden? Wie funktioniert die schöne neue multimediale Welt eigentlich – technisch? Basiswissen über das Internet für Journalisten: von Routern und Scrawlern, von Bloggern und Twistern. Und in zehn Minuten haben wir die eigene Website gebastelt. Denn nur wer versteht, wie die Online-Welt funktioniert, der kann mitreden – und sie selbst gestalten.

Wissen die eigentlich, wovon …? Ach, lassen wir das.

„Zu Onlinern qualifiziert“

Ein Auftritt von Don Alphonso an der Uni Münster hat ein interessantes mediales Nachspiel erfahren (und das liegt ausnahmsweise nicht an ihm). Die Online-Lokalzeitung echo-muenster.de brachte einen, nun ja, zweifelhaften Artikel über die Veranstaltung, die der Kollege Christoph Neuberger organisiert hat. In den Kommentaren lässt sich nachvollziehen, wie gut die Redaktion das Netz verstanden hat.

Das Finstere daran ist die Vorgeschichte: Die Redaktion war bis Anfang diesen Jahres für die Münstersche Zeitung verantwortlich und wurde dann Knall auf Fall vor die Tür gesetzt. Jetzt sind die Redakteure in einer Transfergesellschaft untergebracht und werden – offenbar auch mit Arbeitsagentur-Geldern – „zu Onlinern qualifiziert„.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Redakteure von echo-muenster.de tatsächlich an ihr Projekt glauben. Und auch nicht, ob sie das, was sie da machen, guten Lokaljournalismus nennen. Ein professioneller Webauftritt ist das ganze jedenfalls schon optisch nicht. Inhaltlich ist es über weite Strecken wie gedruckter Lokaljournalismus mit alle seinen Schwächen: Terminjournalismus, Anwanzen an die lokale Wirtschaft, – all das, was viele Lokalzeitungen so unlesbar macht.

Leider, leider sieht bei echo-muenster.de doch vieles sehr nach Beschäftigungstherapie ohne jede Zukunftsperspektive aus.

(via)

Zeitungsmarketing, blöd

Die Süddeutsche Zeitung, genauer gesagt eine Abteilung mit dem Titel „Marketing-Forschung“, lädt mich schriftlich ein, an einer Marktstudie teilzunehmen und dafür eine Vergütung von 150 Euro zu bekommen. Ich erfahre:

Auch die Süddeutsche geht neue Wege und wird sich noch dichter am Leser orientieren. Deshalb ist uns die Meinung von politisch und kulturell interessierten Menschen besonders wichtig.

Schön rangeschleimt an einen ehemaligen Abonnenten. Alles, was ich tun muss, ist, über ein Jahr alle drei Monate einen Fragebogen auszufüllen. Und natürlich die Zeitung zu abonnieren, ebenfalls ein Jahr, für reguläre 36,90 Euro im Monat.

Dafür ist mein Arbeitsaufwand mit den Fragebögen auch eher gering. Der erste liegt schon bei und umfasst zehn Fragen. Sagen wir mal so: Wenn Daten, die mit solch einem Instrument erhoben werden, tatsächlich für die Entwicklung des Blatts herangezogen werden, braucht man sich um die Zukunft der Zeitung schon sehr bald keine Gedanken mehr machen.

Merken die Zeitungsmarketing-Menschen eigentlich, dass sie damit deutlich vermitteln, welches Bild sie von ihren Kunden haben? Ich bin doch nicht blöd.

Bericht aus Sibirien: Die T-Shirt-Redaktion

Catrin Watermann, eine Kollegin aus alten Eichstätter Tagen, ist zurzeit mit einem Marion-Gräfin-Dönhoff-Stipendium der von mir sehr geschätzten Internationalen Journalisten-Programme ganz, ganz weit im Osten unterwegs, genauer gesagt in Burjatien/Sibirien. Und: Sie bloggt. Zum Beispiel darüber, wie sie bei ihrer Ankunft feststellt, dass ihre vermeintliche Gastredaktion gar nicht mehr journalistisch arbeitet: Der Radiosender hat bereits vor fast zwei Jahren die Lizenz verloren und hält sich jetzt damit über Wasser, T-Shirts zu bedrucken.

Ins T-Shirt-Geschäft ist Cati jetzt aber nicht eingestiegen, sondern hat sich eine Zeitung gesucht, bei der sie arbeiten kann. Und natürlich schreibt sie auch für deutsche Medien, zum Beispiel dieses Stück über den Wahlkampf für den Zuender auf zeit.de.