Archiv für den Monat: Oktober 2007

Wie funktioniert eine gute Zeitung?

Ein paar Gedanken zum aktuellen Stand der Zeitungsrezeptionsforschung: Sowohl bei Readerscan-Untersuchungen wie auch bei Eyetracking-Studien (wie der neuesten Poynter-Studie) ist eine wesentliche Frage, wie viel Text gelesen wird. Aber ist das wirklich das zentrale Problem?

Dahinter steht eine Annahme, die sich aus der Sicht von Textredakteuren herleiten lässt: Gut ist, wenn viel Artikeltext gelesen wird, und zwar von vorne bis hinten und ohne Unterbrechung. Optimal wäre also, wenn der Leser die komplette Ausgabe systematisch durchlesen würde.

Macht aber keiner, jeder wählt aus. Und hier wird es interessant, denn es kommt der Leser in den Blick. Ist die Zeitung so gestaltet, dass der Leser bei dieser Auswahl unterstützt wird? Funktionieren Leitsysteme in der Zeitung? Gibt es leicht erfassbare Hierarchien auf der Seite? Bieten die Beiträge schnell erfassbare Übersichten? Gibt es Zusammenfassungen oder Vorspänne? Gibt es alternative Einstiegsmöglichkeiten in Texten, etwa über optische Anker im Text wie Zwischenüberschriften? Wird das Scannen unterstützt?

Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Anforderungen der Leser durchaus unterschiedlich sein können, zum Beispiel:

  • Scanner oder überfliegende Leser legen Wert darauf, einen schnellen Überblick zu bekommen. Wenn sie etwas besonders interessiert, lesen sich auch lange Texte, oft allerdings kursorisch.
  • Intensivleser beschäftigen sich ausführlich auch mit ausgewählten langen Texten.
  • Und es gibt sicher auch Abonnenten, die mit ihrer Zeitung zufrieden sind, obwohl sie sie nicht lesen (aber vielleicht demonstrativ auf den Schreibtisch legen).

In unserer letzten Studie zum Zeitungslesen haben wir eine Reihe von gestalterischen Alternativen in Tabloid und Broadsheet getestet und dabei viele Indikatoren für die Orientierungsleistung bestimmter Formen untersucht. Ein interessanter weiterer Schritt wäre nun, diese in Bezug zu unterschiedlichen Anforderungen der Leser zu bringen.

Vortrag in Augsburg

Am nächsten Dienstag, 30. Oktober, mache ich Station an der Fachhochschule Augsburg, um dort auf Einladung von Prof. Michael Stoll einen Vortrag über unsere Rezeptionsforschung zu halten. Ich möchte den Studierenden des Fachbereichs Gestaltung einen Einblick in die Methoden geben, die wir verwenden – vor allem Blickaufzeichnung und Lautes Denken. Und ich werde Ergebnisse aus verschiedenen Untersuchungen vorstellen, sowohl zu Print- wie auch zu Onlinemedien.

Die Vortrag beginnt um 18 Uhr und ist öffentlich. Wer also kommen mag: Bitte. Alle Koordinaten hier.

Medienpraxis: Einsteiger-Seminare

Im Wintersemester startet die Trierer Medienwissenschaft wieder die stark nachgefragte Weiterbildungsreihe „Medienpraxis“. Als Referenten kommen die geschätzten Kollegen Dénes Széchényi (Öffentlichkeitsarbeit), Peter Grabowski (Radio), Jens Schröter (Online) und Claudia Blum (Print) nach Trier und vermitteln in praxisorientierten Seminaren einen knackigen Einstieg in die verschiedenen medialen Berufsfelder. Termine und Anmeldung hier.

Die etwas andere Meinung

Der Kommunikationswissenschaftler Klaus Schönbach äußert sich zu Kompaktzeitungen:

Das Kompaktformat ist keine gute Idee. Die meisten dieser Blätter haben einen Zeitschriftencharakter. Das wird von den allermeisten Lesern nicht geschätzt. Sie wollen einen Überblick, wollen universell und abwechslungsreich informiert werden. Dies ist im Kompaktformat nur schwer umzusetzbar.

Und zum Prinzip „Online first“:

Wenn man Online first sagt, muss man vorsichtig sein. Die gegenwärtige Form von Online-Zeitungen ist für das Prinzip der zuverlässigen Überraschung nicht gut geeignet. Das hat technische Gründe. Der Bildschirm ist zu klein, man kann die Zeitung schlecht mitnehmen und unterwegs lesen. Im Moment ist deshalb online kein Ersatz für die Papierzeitung. Heute haben Online-Zeitungen mehr eine Update-Funktion. Man liest die Papierzeitung und schaut im Internet nach, was sich aktuell tut.

Wir fassen zusammen: Leser wollen Broadsheetzeitungen. Diese nehmen sie gerne mit und lesen sie unterwegs. Derart inspiriert gehen sie an den Rechner und schauen, wie sich die Nachrichten, über die sie gerade gelesen haben, weiter gedreht haben.

Beides aus einem Interview im Medium Magazin, Ausgabe Oktober 2007.

Mit Nichtwissen umgehen lernen

Der Soziologe Dirk Baecker skizziert in der taz, welche Chancen sich in Zeiten des Bologna-Prozesses und der Exzellenzcluster für ein neues Verständnis von Hochschullehre ergeben:

Die Kompetenzen, zu denen die Universitäten jetzt zu befähigen beginnen, ebenso wie die Talente, nach denen Industrie, politische Organisationen, Militär, Kirchen und Kultur suchen, sind Kompetenzen und Talente, die ihre Expertise daraus beziehen, dass sie es methodisch, theoretisch und praktisch gelernt haben, mit Nichtwissen umzugehen. Wer das nicht kann, kann gar nichts. Aber wer das kann, kann darauf aufbauend jedes nur denkbare Wissen erwerben, ohne dieses je mit Gewissheit zu verwechseln und so seine Kompetenz und sein Talent wieder aufs Spiel zu setzen.

Ein bemerkenswerter Ansatz. Allerdings ist doch das Risiko nicht von der Hand zu weisen, dass es auch zu einer rein praktizistischen Orientierung der Bachelor-Studiengänge kommen kann. Die Folge: Die Studierenden werden eben nicht mit der Fähigkeit entlassen, für den Rest ihres Berufslebens die richtigen Fragen zu stellen und sich die passenden Antworten zu erschließen.

Poynter legt „Eyetracking the News“ vor

Ich habe gerade das druckfrische Exemplar der jüngsten Eyetracking-Studie des Poynter-Instituts durchgeblättert (Dank an die Poynter-Kolleginnen Sara Quinn und Pegie Stark Adam). Sehr interessant, vor allem weil sich gute Vergleiche zu unserer Studie ziehen lassen – in Gegenstand, Methode und Forschungsfragen gibt es allerlei Parallelen. Aber auch Unterschiede.

Weiterlesen

Digitales Stimmvieh

Es ist schon erstaunlich, wie billig Online-Marktforschung betrieben werden kann – zumindest, wenn es um die zu Beforschenden bzw. zu Befragenden geht. Ein Beispiel aus er aktuellen W3B-Befragung von Fittkau und Maaß, gefunden bei faz.net:

faznet_fittkau_2_10_07.gif

Allein der Einfluss auf die „Gestaltung von Web Sites“ sollte es mir wert sein, bei sowas mitzumachen. Warum noch die 10 Euro-Gutscheine?!