Archiv für den Monat: September 2007

Ramschläden, Spielhöllen, Holtzbrinck

Ein Artikel von Thomas Mrazek in der aktuellen Ausgabe des Journalist beginnt so:

„Die Gegend um den Münchner Hauptbahnhof zählt nicht zu den besten Adressen der bayerischen Metropole: Sexkinos, Ramschläden und Spielhöllen stellen nicht gerade ein seriöses Umfeld dar. Auch Holtzbrinck Networks hat hier, in der Bayerstraße, seinen Geschäftssitz.“

Der im Text dann ausführlich zitierte Don Alphonso alias Rainer Meyer dürfte an dieser subtilen Einordnung seine Freude haben.

Reportagen aus dem Humor-Bergwerk

Zufall oder nicht: Gleich zwei aktuelle Reportagen nehmen uns mit in das Humor-Bergwerk der „Titanic“ in Frankfurt-Bockenheim. Der Stern hatte dabei immerhin das Glück, der Geburt eines Titelwitzes beizuwohnen. Der FAZ war das nicht vergönnt.

Zugleich kommt die Meldung, dass „Pardon“ eingestellt wird, das immerhin mal ein Vorläufer der „Titanic“ war, 1982 eingestellt und erst 2004 wiederbelebt wurde. So hat nun das Frankfurter Blatt wieder ein Quasi-Monopol in der Satirebranche (die relativ witzlose Ostille „Eulenspiegel“ kann man wohl vernachlässigen).

Das Rezept von Spiegel Online

Robin Meyer-Lucht analysiert im SZ-Magazin die Erfolgsgeschichte von Spiegel Online. Ein Aspekt, der dabei besonders interessant ist:

„Überall in der westlichen Welt werden die führenden Online-Nachrichtenangebote von Tageszeitungen oder TV-Sendern betrieben. Ausnahme ist allein Deutschland, wo sich ausgerechnet die Tochter eines Wochenmagazins durchzusetzen vermochte. (…) Der Erfolg ist zudem eine direkte Folge des Zauderns überregionaler Tageszeitungs-Verleger. Ihre Titel wären online die eigentlichen Wettbewerber der Site. Doch aus Angst vor der eigenen Schwächung, aus Geringschätzung für das neue Medium und infolge der Anzeigenkrise Anfang des Jahrhunderts haben sie sich dem Netz nur sehr zögerlich zugewandt – bis jetzt: Seit einem Jahr suchen mehrere Titel einen Anschluss. Ein langwieriger Lernprozess ohne schnelle Erfolge, wie sich nun zeigt.“

Die Süddeutsche Zeitung gehört auch zu den Lernern. Laut IVW hatte sie im Juli knapp 11,6 Millionen Visits und 89,5 Millionen Pageimpressions. Zum Vergleich: Spiegel online hatte knapp 72 Millionen Visits bei 420 Millionen PIs.

Meyer-Lucht wirft bei seiner Analyse auch einen Blick auf die ökonomische Logik des Onlinejournalismus – was leider im akademischen Feld der Kommunikations- und Medienwissenschaft oft zu kurz kommt. So erfahren wir in einer Modellrechnung, dass Spiegel Online mit jedem Seitenabruf im Schnitt 0,4 Cent an Werbeinnahmen generiert. Welche Folgen solch ökonomisiertes Denken auf die Themenauswahl und -aufbereitung hat, lohnt sich nachzulesen.

Weitere Veröffentlichungen von Robin Meyer-Lucht gibt es hier. Nicht mehr ganz frisch, aber weiter lesenswert eine Studie (pdf) für die Friedrich-Ebert-Stiftung, in der es um die Krise der Tageszeitungen geht.

[Meinungen zu dem Artikel auch bei Netzausfall und onlinejournalismus.de.]