Gewerkschaftlicher Spitzenjournalismus

Zugegeben: Journalistengewerkschaften haben es schon schwer mit ihrer Außendarstellung. Die Führungsspitze der Lokführergewerkschaft muss nicht beweisen, dass sie Züge unfallfrei durchs Land fahren kann. Ob der Chef der Ärztegewerkschaft das Skalpell noch führen kann, ist für seine Gewerkschaftsarbeit egal.

Journalistengewerkschaften geben Zeitschriften heraus. Sie schreiben Pressemitteilungen. Und geben Interviews. Also: Journalistisches Kerngeschäft. Sollte man also annehmen, dass die Leute bei der Gewerkschaft das auch können.

Bei Verdi, die mit der dju auch Journalisten vertreten, ist das anders.

Mittlerweile freue ich mich auf jede Ausgabe der Verdi-Zeitschrift „Menschen machen Medien“, weil sie so schöne Fallbeispiele für schlechten Journalismus bietet.

Das aktuelle Titelthema zu Medien-Studiengängen wartet wieder mit einem klassischen Google-Einstieg auf:

Mehr als zwei Millionen Treffer bietet die Suchmaschine Google bei der Eingabe der Begriffe „Medien“ und „Studium“. Die Kombination „Journalismus/Journalistik“ und „Studium“ schafft es immerhin noch auf fast 1,4 Millionen Einträge.

Schon allein das gehört verboten. Und dann lese ich als Rat an Studieninteressierte:

Auch die Aktualität muss immer wieder überprüft werden, denn personelle Unterbesetzung, interner Streit oder Umstrukturierung kann schnell dafür sorgen, dass Studienangebote zumindest vorübergehend verschwinden, so der Master in Wissenschaftsjournalismus an der Freien Universität Berlin, der Master Kulturjournalismus an der Berliner Universität der Künste oder die Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Hä? Eichstätt kenne ich zufällig ganz gut. Journalistik verschwunden? Ach nee, es geht nur um die Umstellung auf den Bachelor. Das aber hat die Autorin offensichtlich nicht verstanden, denn in einem weiteren Text schreibt sie:

Auf der Homepage des Studiengangs der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hieß es 2006 noch „Eichstätt 2007: Studieren nach bewährtem Muster“. Doch wer nicht bis zum Beginn des Sommersemesters das geforderte Praktikum in einer Redaktion abgeleistet hatte, dem winkte kein Diplom mehr. Auf Druck des bayerischen Wissenschaftsministeriums mussten die Eichstatter umstellen, „Und machen nun erst mal Pause“, wie Dozentin Renate Hackel-de Latour erläutert, erst im Wintersemester 2008/09 wird es neue Journalistik-Studierende in Eichstätt geben. Statt der einjährigen Diplomphase sind dann nur zehn Wochen für die Abschlussprüfungen vorgesehen. Die geisteswissenschaftlichen Fächer werden eine geringere Rolle spielen.

So sehr ich den Kollegen in Eichstätt auch eine „Pause“ gönnen würde: Die falsche Aussage, dass die Journalistik in Eichstätt „verschwunden“ sei, hätte sich leicht vermeiden lassen, wenn die Autorin Susanne Stracke-Neumann bei der Recherche, die ja immerhin ein Telefonat beinhaltete, ein paar Tatsachen zur Kenntnis genommen hätte – auch ein paar weitere peinliche Fehler wären dann nicht in den Text gerutscht. Nur mal ein paar Fakten:

  1. Sechs Monate Praktikum waren immer schon Studienvoraussetzung in Eichstätt. Wer die nicht hat, fängt nicht an zu studieren. Und wer angefangen hat, kann selbstverständlich zu Ende studieren.
  2. Das Diplomstudium fing zum Sommersemester an, um dieses Praktikum nach dem Abitur machen zu können.
  3. Auf Bachelor stellen alle Studiengänge um, das ist keine Erfindung des bayerischen Wissenschaftsministeriums, das da irgendwie Druck macht. Ich sage nur: Bologna.
  4. Der Bachelor soll immer zum Wintersemester beginnen.
  5. Diplomarbeit dauerte sechs Monate, dann gab es schriftliche und mündliche Prüfungen.
  6. Die Bachelorarbeit dauert 10 Wochen. Weitere Prüfungen gibt es nicht, denn das Wesen des Bachelors ist es, die Leistungsnachweise studienbegleitend zu erbringen.
  7. Geisteswissenschaften können nach wie vor mit der Journalistik kombiniert werden. Sie können ein Drittel des Studiums ausmachen. Nur ist das frei wählbar.

Mit dem Themenpaket beweist das Verdi-Blatt zumindest eines: Die Welt ist komplex, deshalb braucht sie gut ausgebildete Journalisten. Mein Tipp: Wie man ein guter Journalist wird, lernt man in Eichstätt (und natürlich Trier).

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