Archiv für den Monat: September 2007

Randständige Formen menschlichen Verhaltens

Ein Artikel (pdf) von Thomas Mrazek in der Zeitschrift „Berliner Journalisten“ zeigt am Beispiel von sueddeutsche.de schön auf, welche Auswüchse es haben kann, wenn Onlinejournalismus auf Klickquoten getrimmt wird.

Die Bildzeile bringt es auf den Punkt: „Kultur im Internet à la sueddeutsche.de: Auch randständige Formen menschlichen Verhaltens werden angemessen berücksichtigt.“

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Gewerkschaftlicher Spitzenjournalismus

Zugegeben: Journalistengewerkschaften haben es schon schwer mit ihrer Außendarstellung. Die Führungsspitze der Lokführergewerkschaft muss nicht beweisen, dass sie Züge unfallfrei durchs Land fahren kann. Ob der Chef der Ärztegewerkschaft das Skalpell noch führen kann, ist für seine Gewerkschaftsarbeit egal.

Journalistengewerkschaften geben Zeitschriften heraus. Sie schreiben Pressemitteilungen. Und geben Interviews. Also: Journalistisches Kerngeschäft. Sollte man also annehmen, dass die Leute bei der Gewerkschaft das auch können.

Bei Verdi, die mit der dju auch Journalisten vertreten, ist das anders.

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taz blinzelt in die Zukunft der Zeitung

Mit einer Sonderausgabe zur „Zeitung der Zukunft“ ist die taz am Samstag angetreten. Was soll man sagen? Ein starkes Plädoyer für die gedruckte Zeitung ist nicht rausgekommen. Uninspiriert und zusammenhanglos die Texte, denen ein zusätzlicher Redigier- der mindestens Korrekturdurchgang gut getan hätte. Die Druckqualität ist so wie in den Frühzeiten des Farbdrucks auf Zeitungspapier: Mies.

Schön immerhin, dass die Trierer Onlinezeitung 16vor.de als Beispiel für neuen Lokaljournalismus Erwähnung findet (hier, im Infokasten). Zusammen übrigens mit dem Grimme-prämierten Fudder aus Freiburg. Nur: Beide Angebote sind nicht gedruckt. Auch eine Perspektive für die Zeitung der Zukunft.

Da hört man doch von Ferne das Pfeifen im Walde, wenn der Schweizer Verleger Michael Ringier ein paar Seiten weiter im Interview seine eigenen Internet-Nutzungsgewohnheiten generalisiert:

„Im Internet finden ich ja meist nur, was ich suche. In der Zeitung finde ich Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mich interessieren. Wenn ich so eine Doppelseite mit dem Auge überfliege, habe ich innerhalb von Sekundenbruchteilen herausgepickt, was ich lesen will. Das kann etwas sein, was ich sonst nicht gefunden hätte, weil ich gar nicht wusste, dass es das gibt. Außerdem ist das Lesen auf Papier wesentlich angenehmer als auf dem Bildschirmformat. Das kann keine Technologie der Welt ändern.“

Wortfindung: Zwergoptimismus

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Ein Wort, das bislang fehlte: Zwergoptimismus. Bezeichnet eine kleine und feine, bewegliche und durchaus lebensfrohe Schwester des ordinären und undifferenzierten Optimismus, der ja meist recht großmäulig bzw. breitbeinig daher kommt. Der unsympathische Cousin in dieser Familie ist der Zweckoptimismus, ein opportunistischer Schönling, der ein Grinsen wie Florian Silbereisen ins Gesicht getackert hat.

Vielleicht ist Zwergoptimismus allerdings auch die Hoffnung, noch zu wachsen.

Der Verriss

Aus der Reihe „Schöne Textbeispiele“ heute mal ein gepflegter Verriss aus der FAS. Der Anlass ist das gemeinsame Kabarettprogramm von Ex-Minister Norbert Blüm und Schauspieler Peter Sodann („Tatort“ aus Leipzig). Über letzteren schreibt Peter Richter:

Sodann spielt den misanthropischen Meckertrottel im „Tatort“ nicht nur, er ist es. Sodann kann gar nicht schauspielern, er kann nur sich selbst. Peter Sodann kann noch nicht einmal verständlich sprechen. Sodann ist eine selten so kompakt anzutreffende Verdichtung von Talentlosigkeit, Einfältigkeit, Arroganz, Selbstgerechtigkeit, Besserwisserei, Neid, Ressentiments, Borniertheit, Taktlosigkeit und Larmoyanz. Sodann hat alles, was man Ossis so vorwirft, plus das, was Ossis an Westlern hassen. Sodann ist ein One-Man-Kabarett, er weiß es nur nicht. Er ist das Antlitz des hässlichen Deutschen, der sich für etwas Besseres hält. Peter Sodann ist ein Tritt ins Gesicht aller Ostdeutschen, mit deren grundgesetzlich garantierter Menschenwürde es nicht vereinbar ist, von jemandem wie ihm dauernd als unterhalb aller messbaren IQ-Werte herumnölender Sozialschrott repräsentiert zu werden.

Scheint ein toller Abend für Peter Richter gewesen zu sein.

Aktuell leider nicht gesucht (und nicht zu finden)

Faz.net hat ein neues, nun ja, Feature unter die Suchbox geklemmt: Die Rubrik „Aktuell gesucht“. Mal sehen, was die Nutzer aktuell, in diesem Fall gestern und heute, suchen:

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Muss man sich um die klugen Köpfe, ihre Interessen, Rechtschreibfähigkeiten und Suchstrategien sorgen? Natürlich nicht. Die Suchabfragen sind keine, sondern bringen uns zu faz.net-Angeboten, die ein paar Klicks mehr bekommen sollen. Zum Beispiel das Lottoangebot von Jaxx, der eigene Screensaver, das Stellenportal, das Ressort Investor. Ok, könnte man also auch drüberschreiben: „Aktuell nicht oft genug geklickt“.

Aber schauen wir mal, was geschieht, wenn man diese Suchabfragen tatsächlich eingibt:

Tja. Vielleicht doch besser drüberschreiben: „Aktuell nicht oft genug geklickt und über unsere Suchfunktion leider nicht zu erreichen (und wir glauben auch nicht ernsthaft, dass Sie bei uns Lotto oder Screensaver suchen, aber das ist ja das Problem).“