Archiv für den Monat: August 2007

Banner Blindness reloaded

Jakob Nielsen tut sich in seiner aktuellen Kolumne Alertbox lesbar schwer damit, ein paar bittere, wenn auch nicht überraschende oder gar neue Wahrheiten über die Aufmerksamkeit für Online-Anzeigen zu benennen: Gefakte Dialogboxen und Anzeigen, die wie redaktioneller Content aussehen, finden Beachtung. Ansonsten regiert finstere Banner Blindness. Soweit, so plausibel.

Der Usability-Meister druckst arg rum, denn er fürchtet: Jetzt wird die werbetreibende Industrie versuchen, möglichst „unethische“ Anzeigenformate unterzubringen – und sich dabei auf ihn berufen. Wird sie? Die viel wichtigere Frage ist doch, ob solche irreführende Werbung die Kunden nicht eher verärgert – genau wie Pop-ups und ähnliche Nerv-Formate. Ich schätze, es ist wie bei den „Sie-haben-gewonnen“-Bannern: Ein paar Doofe klicken immer. Aber für seriöse Firmen sollte da kein Bedarf sein – und damit meine ich Anzeigenkunden und Werbemedium gleichermaßen. Es fehlt eine umfassende Studie zu dem Thema, die auch mit einigen Lebenslügen der werbetreibenden Industrie aufräumen könnte.

Dabei kann Eye-Tracking ein probates Mittel sein, aber nicht das einzige. Denn erstmal muss geklärt sein, unter welchen Bedingungen bei wem was kognitiv passiert, wenn der Blick auf der Anzeige ist. Sonst ist die Perspektive ebenso verkürzt, wie es bei Recall- und Recognition-Tests häufig der Fall ist.

Die Süddeutsche Zeitung erklärt Blogs

Heute schreibt der bekannte Weblog-Experte Johannes Boie im Feuilleton der Süddeutsche Zeitung über Streit in der Blogosphäre und gibt fundierte Tipps, wie es besser geht:

„Der andauernden Selbstzerfleischung liegt etwas Trauriges inne, denn Weblogs haben großes Potential. Zahlreiche Nischen warten auf hochwertige Inhalte. Das literarische Blog 500beine des NRW Literaturpreis-Gewinners Andreas Glumm, das medienkritische Bildblog des FAZ-Journalisten Stefan Niggemeier und seines Kollegen Christoph Schultheis zeigen genauso wie das Promi-Blog Viply, dass sich konsequente Beschränkung auf ein Thema lohnt. Deutsche Leser wollen spezialisierte Angebote zu ihren Lieblingsthemen anstatt eines weiteren Versuches, klassische Zeitungen zu imitieren. Aus der Gesamtheit dieser Spezial-Blogs könnte sich nicht zuletzt durch technische Verbindungsmöglichkeiten eine Gesamtheit der Blogs formen – und da wäre sie dann, die viel beschworene Gegenöffentlichkeit.“

Als Verteidigung des Zeitungsqualitätsjournalismus ist das schon aus textimmanenten Gründen nur beschränkt überzeugend. Groß wird es, wenn als Kronzeuge für das Fazit noch der Kollege Jan Schmidt herangezogen wird:

„[Jan Schmidt] umschreibt die Misere höflich. Die Öffentlichkeit von Weblogs bestünde in ihrer technischen Zugänglichkeit für jedermann. Keinesfalls aber besteht sie in ihrer gesellschaftlichen Relevanz.“

Grenzenlose Vielfalt!

Ein Artikel von Dieter Lintz im gedruckten Volksfreund macht mich gerade auf die Existenz eines Internet-Kulturkalenders für die Großregion aufmerksam: plurio.net. Schon das Mission Statement mit Ausrufezeichen macht misstrauisch:

Das Kulturportal der Großregion hat zum Ziel, die Vielfalt des Kulturangebots der Großregion auf einer Webseite zu präsentieren. Dies ist ein langer Weg, den wir soeben erst begonnen haben! [Wir] – das sind unter anderem alle Kulturministerien der Großregion – haben uns zusammengeschlossen, um den Einwohnern der Großregion, aber auch unseren Besuchern und der ganzen Welt zu zeigen, dass wir hier ein einzigartiges und anspruchsvolles Kulturangebot bieten können. Unser Motto: grenzenlose Vielfalt!

Die grenzenlose Vielfalt bzw. der lange Weg beginnen exakt hier. Die Logik hinter dieser Art Projekten ist simpel: Ein naiv-guter politischer Wille, der kaum Schnittmengen mit einem realen Bedarf hat, wird für viel Geld in Html und Co. gegossen. Ein wenig unkritische Öffentlichkeit lässt sich per Pressemitteilung leicht generieren, denn: INTERNET! Danach schaut sich das Ganze keiner mehr an, vermutlich nicht mal die Verantwortlichen. Warum auch, von Nutzerzahlen ist man ja nun wirklich nicht abhängig, denn: KULTUR!

Der Volksfreund schreibt nun, dass plurio.net mit einem Etat von 300.000 Euro an den Start gebracht wurde. Und, dass es hinter den Kulissen Streit um den „Workflow“ gegeben habe, was bei Projekten dieser Art übrigens programmiert ist. Aber das sei jetzt fast gelöst, so dass „bald“ dann auch die Daten aus Rheinland-Pfalz einfließen. Für eine Plattform, die das Kulturhauptstadt-Jahr in und um Luxemburg begleiten soll, ist das natürlich schon eine gewagte Aussage, jetzt im August.

Eye-tracking study oder Étude oculométrique

Unsere jüngste Blickaufzeichnungsstudie zu Broadsheet- und Kompaktzeitungen liegt jetzt in der Reihe Ifra Special Reports auch in englischer und französischer Fassung vor:

„With the eyes of the readers: A comparison of the broadsheet and compact formats – An eye-tracking study on reader-newspaper interaction“

Titel_Broadsheet_Kompakt_english.gif

Noch schöner ist der französische Titel:

„Le point de vue des lecteurs : Comparaison des formats broadsheet et compact – Une étude oculométrique sur l’interaction lecteur/journal“

Titel_Broadsheet_Kompakt_french.gif

Hören statt lesen: Neue Audioformate

Wie lässt sich Audio in Onlinemedien nutzen? Zwei Beispiele, die man im weitesten Sinne als Audio-Slideshows bezeichnen kann:

FAZ.NET bringt ein Online-Feature über den Schriftsteller Martin Mosebach und sein neues Buch. Der Sprechertext (von Redakteur Fridtjof Küchemann selbst dem Mikrofon überantwortet) wird ergänzt durch O-Töne des Autors Mosebach, das ganze unterlegt mit Fotos, die über Zoomeffekte dynamisiert werden. Schön – wenn man vom leichten feuilletonimmanenten Schwurbel im Text mal absieht.

Deutlich unaufwändiger – und eigentlich eine Zweitverwertung – ist dieses Stück aus dem SZ-Magazin. Die Autorin Susanne Schneider liest darin eine Geschichte, die sie für das aktuelle Heft geschrieben hat. Dazu läuft eine Bilderstrecke durch – die allerdings nicht mit dem Text verknüpft ist. Aber auch diese pragmatische Aufbereitung gefällt mir: Dass das Stück nicht von einer professionellen Sprecherin gelesen wird, lässt es authentisch wirken.

Tabloid-Broadsheet-Studie im Medium Magazin

In der aktuellen Print-Ausgabe des Medium Magazins ist ein Artikel von Hans-Jürgen Bucher und mir zu einigen Ergebnissen unserer Blickaufzeichnungsstudie zu Tabloid- und Broadsheet-Zeitungen zu finden. Darin zeigen wir, dass mit Eyetracking-Verfahren nachweisbar ist, wie Zeitungen im Kompaktformat als „Lesezeitungen“ mit vollwertigen Inhalten funktionieren können. Mehr noch: Wie längere Artikel in Kompaktzeitungen mehr Leser finden und von diesen auch intensiver gelesen werden.

Eine ausführliche Fassung unserer Befunde gibt es bereits bei der Ifra als Special Report (forthcoming: english version).

Das rote Tuch ist Vodafone

Einen schönen Einblick in die wundersame Welt der Public Relations gewährt uns die dpa-Tochter newsaktuell, die über ihre Dienste ots (Original-Text-Service) und obs (Original-Bild-Service) PR-Material an Redaktionen versendet, das die Redakteure über die gleichen Tickerdienste erreicht wie der reguläre dpa-Dienst. obs kürt regelmäßig ein „Clipping des Monats“, quasi den schönsten Abdruckerfolg: Wo hat man es geschafft, dass die Redakteure PR-Material ungefiltert ins journalistische Produkt aufnehmen. Der Gewinner für Juli 2007 (pdf) ist: Der Trierische Volksfreund.

Die Magazin-Redaktion hat einen dpa-Korri-Bericht über 15 Jahre Mobilfunk mit drei Bildern bestückt, die von Vodafone geliefert wurden. Immerhin, die Bildquelle wird korrekt genannt. Als Zeitung würde ich mich trotzdem nicht so richtig über den Award freuen.

Bemerkenswert ist, was die newsaktuell-Leute ihren Kunden über die vermeintliche Werbewirkung weis machen wollen:

Doch ein Wunsch eint alle, die Produkt-PR über Pressebilder vermitteln wollen: Sie wollen ihre Fotos erkennbar mit ihren Markenzeichen versehen. Für Vodafone ist das eine besondere Herausforderung. Denn zum einen ist es bei der geringen Größe der Mobiltelefone im Vergleich zum menschlichen Körper fast unmöglich, das „Branding“ der Handys erkennbar und zugleich halbwegs authentisch darzustellen. Zum anderen aber ist die auffällige Präsentation von Firmenlogos für Journalisten oft der entscheidende Grund, Pressebilder von Unternehmen nicht zu nutzen. Vodafone hat für dieses Problem eine elegante Lösung gefunden: Die Marke wird in vielen Pressebildern nicht über das Firmenlogo transportiert, sondern über die dominierende Farbe Rot. Die Leser assoziieren Rot im Kontext Mobilfunk meist unwillkürlich mit Vodafone. Die Marken der Wettbewerber bringen sie hingegen gedanklich mit anderen Farben in Verbindung (T-Mobile mit Magenta, o2 mit Blau und E-plus mit Grün).

Im konkreten Fall: Das rot-weiße Handtuch ist Vodafone. Klar.