Archiv für den Monat: Juli 2007

Satire im Wandel der Zeit

aus: Titanic – das endgültige Satiremagazin, Januar 1981, S. 6

Hallo Amis,

Wir haben schon so lange nichts mehr von Euch gehört – nach jogging und rollerskating ist sportmäßig eine Lücke eingetreten. Denkpause? Kreatives Tief oder Schock, daß wir mit radfahring auch ohne Euch dick im Trend lagen? Kommt uns jetzt bloß nicht mit stelzing oder hüpfseiling oder – weil jogging ja gar nicht so gesund sein soll – mit walking. Walking-Schuhe, Walking-Mantel, Walking-Hut und Walking-Stick in den typischen Walking-Farben und dazu eine Walking-Disco, wo die irren Typen in Loden und Genagelten übers Parkett rumpeln. Seht ihr nicht?

Bilder und Bildzeilen, die online komisch aussehen

Ein aktuelles Beispiel aus faz.net (hier der ganze Beitrag):

faznet_18_07_07.gif

Das ist die klassische Kombi aus Personenfoto mit Bildzeile, die Vornamen, Nachnamen, Position auf dem Bild und Funktionen der Personen nennt. So lernt es der Print-Volontär. Online geht anders.

[Edit: Die Redaktion hat die Bildzeile gekürzt – jetzt erfahren wir aber nicht mehr wer die Herren links und rechts sind. Aber das macht ja nix, erkennen kann man sie sowieso nicht.]

Regionale Medienmarktforschung

Wenn Regionalzeitungen das Thema Internet ernst nehmen, dann ist es keine schlechte Idee, das Feld genau im Blick zu haben: Der Trierische Volksfreund sucht für seinen Online-Auftritt einen Mitarbeiter Marktforschung/Research (pdf). Die Ausschreibung driftet zwar stark in Richtung BWL und Informatik, da es im Kern aber um ein journalistisches Produkt und dessen Weiterentwicklung geht, dürfte auch ein medienwissenschaftlicher Background hilfreich sein. Interessant wird es, wenn tatsächlich die Nutzer (und nicht nur die Werbekunden) systematisch in den Blick genommen werden: Das ist selbst bei den Großen der Branche noch nicht selbstverständlich.

52,3 Millionen Goggle-Treffer!

Mir fällt gerade die Ausgabe 5/07 der Verdi-Zeitschrift „M – Menschen machen Medien“ in die Hände. Gerne lasse ich mir in der Titelgeschichte „Die multimediale Welt“ erklären. Ein klassischer Google-Einstieg, dann wird auch schon munter drauf los ramentert: Alles in einen Topf, eine kräftige Prise Kulturpessimismus, umrühren, wird schon schmecken. Etwa so:

Unter den mindestens 20.000 Euro teuren Firmenfilialen in Second Life sind etliche deutsche Medienkonzerne: Spiegel Online wirbt für sich mit seinem Avatar Sponto, der Axel Springer Verlag bietet mit AvaStar eine virtuelle Boulevard-Wochzeitung zum Kauf, „Vanity Fair“ hat einen Zeitungskiosk, die Radioholding Regiocast baut an einem „Radio der nächsten Generation“ und der Berliner Rocksender starfm hat zwei deutsche Avatare in seinem virtuellen Studio verheiratet. Beate.Uhse.tv ist auch schon da, uprom.tv aus München ist mit Videoschnipseln auf Sendung und der Berliner Sender LIFA-4-U übertrug im April ein Live-Konzert der Band Juli aus der realen in diese geklonte Welt. Der WDR führte in einem ausgebuchten Kino dieser Kunstwelt seine Sendung „echt böhmermann“ aus seinem Dritten Fernsehprogramm auf und selbst Sabine Christiansen will als gleichnamiger Avatar mit ihrer neuen CNBC-Sendung „Global Players“ im zweiten Leben durchstarten.
Genau der Riesen-Hype um Second Life (52,3 Millionen Goggle-Treffer!) zeigt wie kaum eine andere neue Internet-­Anwendung die Gefahren des Web 2.0: Der Realitätsflucht in eine digital-virtuelle Scheinwelt halten Kritiker zu Recht den Slogan „First live in first life“ entgegen.

Wenn Journalisten aus ihren Gewerkschaftsblättern eine solche Sicht auf das Web bekommen, wundert mich nichts mehr.

Sueddeutsche.de kann Flash

Versteh‘ ich es nur nicht, oder ist das ein heißer Kandidat für die Wahl der sinnlosesten Flash-Animation des Jahres im deutschsprachigen Onlinejournalismus? Die Animation soll offenbar diesen Artikel zusammenfassen. Nur: warum?

Ich schätze, das Argumentationsmuster ist ein klassisches: Warum leckt sich der Hund am Schwanz? Weil er es kann.

Retardierendes Element in der Medienevolution

Ich male mir gerne die Gesichter der Verlagsmanager in Hamburg und München aus, als ihnen dieses bzw. jenes als Projekt präsentiert wurde. Die Gesichter derjenigen also, die sich tagein, tagaus mit Papierpreisen, Druck- und Vertriebskosten für ihre Zeitschriften rumärgern müssen, während in diesem Internet da draußen auf einmal jeder machen kann, was er will.

Dann kommt jemand, der ihre Zeitschrift, so perfekt wie sie ist, ins Internet bringt. Und noch besser machen will: Mit Multimedia, Video, Audio, Links und allem. Ich stelle mir diese Manager in dem Moment als glückliche Menschen vor.

Wer jemals normale Nutzer mit dem Internet, gar Multimedia, hat interagieren sehen, weiß, dass diese Angebote ein schöner Schein sind (und wohl auch schöne Scheine kosten). Kurz gesagt: Unbenutzbar. Usability: Null Punkte.

Darüber hinaus ist der Multimedia-Einsatz sinnlos bis fragwürdig:

  • Die großzügigen Rauchwolken, die der Stern im livejournal auf Seite 8 über das Foto mit dem Attentatsfahrzeug in Glasgow schickt, sind eine journalistisch unzulässige Bildmanipulation.
  • Die Restaurant-Atmo zur Lebensart-Story auf Seite 14 erfüllt keinen erkennbaren Zweck.
  • Auf Seite 16 erscheint ein Filmchen, das nicht gekennzeichnete Werbung ist.

Internet geht anders, das haben auch andere Anhänger der alten Form schmerzhaft lernen müssen.

Liebe Volksfreund-Leser,

die freundlichen Helfer von Google bringen Sie seit Tagen hier bzw. hier her, weil Sie verzweifelt auf der Suche nach den Lösungen für das Konstantin-Gewinnspiel Ihrer regionalen Tageszeitung sind. Ich muss Sie enttäuschen. Ob der Kopf der Konstantinstatue nun in Lübeck, Rom oder Athen steht, werde ich nicht verraten. Und nicht die knifflige Frage beantworten, ob Konstantin nun Alexandria, St. Petersburg oder womöglich Konstantinopel gegründet hat. Und ich sage auch nicht, ob in Trier das Amphitheater, die Porta Nigra oder die Konstantinbasilika nach Konstantin benannt ist. Ich bin ja kein Spielverderber.

Mein eigenes kleines Konstantin-Quiz ist lange vorbei, alle Gewinne ausbezahlt. Sorry.