Archiv für den Monat: Juni 2007

Die FAZ bloggt (bzw. blockt)

Die FAZ hat inzwischen drei Blogbaustellen eröffnet, die allerdings gut versteckt sind:

Ein langsames Vortasten in neue Welten. Da dürfen Hospitanten mal die Blogosphäre erkunden und berichten, was es dort so alles gibt. An anderer Stelle kommt die Papierwelt durch:

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Übertriebene Blog-Euphorie ist jedenfalls nicht zu befürchten. Die FAZ-typische Meinungspluralität macht es zum Glück möglich, dass es auch andere Ansichten gibt.

Out now: Eyetrack-Studie zu Broadsheet und Tabloid

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Unsere Studie zu Tabloid- und Broadsheet-Zeitungen liegt jetzt gedruckt vor, erschienen in der Reihe Special Reports der Ifra.

Worum geht es? Wir haben im Rezeptionslabor der Trierer Medienwissenschaft mit Blickaufzeichnung und Lautem Denken untersucht, wie Leser Zeitung lesen und dabei „Die Welt“ und die „Welt kompakt“ verglichen. Die Studie zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Broadsheet- und dem Tabloid-Format auf. Aus meiner Sicht besonders interessant sind die Ergebnisse dazu, wie sich unterschiedliche gestalterische Konzepte auf das Zeitunglesen auswirken.

Der Report ist über die Ifra zu beziehen. Mitglieder bekommen ihn zugeschickt, für Nicht-Mitglieder kostet er 130 Euro. Bislang liegt die deutsche Version vor, eine englische und eine französische Ausgabe folgen.

Planckton lebt

Dass der Namensraum für Publikationen begrenzt ist, zeigt mir die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Die Wissenschaftsredaktion bloggt seit kurzem unter der Adresse planckton.de. Dazu schreiben die Neu-Blogger:

Der Name “Planckton” entstand zufällig bei einer Redaktionssitzung und war eher als Kalauer oder Wortspiel gedacht. Doch inzwischen gefällt er uns so gut, dass wir beschlossen haben ihn zu behalten. Zum einen als Referenz an den großen deutschen Physiker Max Planck, zum anderen, weil Plankton, griech. “das Umherirrende”, letztlich ein treffender Titel für ein Weblog, vor allem für ein Wissenschafts-Redaktionsblog ist.

Schönes Wortspiel, aber nicht neu. Damals, in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, war Planckton auch der Name der Schülerzeitung am Max-Planck-Gymnasium in Delmenhorst. Den Sprung ins Online-Zeitalter hat diese Publikation allerdings nicht geschafft.

Kabarett, öffentlich-rechtlich

Der „Scheibenwischer“ war mal ein Kabarettformat mit Empörungspotenzial. Ja, ja, der Bayerische Rundfunk hat sich mal aus der ARD-weiten Ausstrahlung ausgeklinkt. Das ist lange her. Seit Dieter Hildebrandt die Sendung 2003 verlassen hat, ist gefälliges Aufsagekabarett angesagt.

Hildebrandts Nachfolger Bruno Jonas war noch nie lustig, wenn er seine verschwurbelten Was-wäre-wenn-Nummern brachte. Unterhaltungswert hat er eigentlich nur, weil man sich fragt, wann er den nächsten Texthänger hat und wie er aus dem Loch dann wieder rauskommt. In der letzten Sendung sponn er sich etwas über eine taz-Karikatur zusammen, die den Zorn der polnischen Kaczynski-Brüder auf sich gezogen habe. Falsch, es war ein Text. Sollte man wissen, wenn man in Sachen politischem Humor so prominent unterwegs ist.

Kollege Richard Rogler langweilt seit Jahrzehnten in seiner Paraderolle als sozialdemokratischer Klischeepolitiker. Einzig Mathias Richling gibt sich noch Mühe: Mit der von ihm entwickelten Form der überdrehten Politikerparodie trifft er sogar oft einen tieferen Kern als es Stimmimitatoren wie etwa der unsägliche Rainer Kröhnert jemals vermögen. Trotzdem: Insgesamt bleibt der „Scheibenwischer“ harmlos.

Um so erstaunlicher, dass das ZDF nach jahrzehntelanger Kabarett-Abstinenz aus dem Stand eine Sendung hingestellt hat, die wirklich sehenswert, witzig und ein bisschen böse ist: „Neues aus der Anstalt“ lief bisher in sechs Folgen, die alle in der ZDF-Mediathek abrufbar sind. Einer der Protagonisten ist ausgerechnet Georg Schramm, der bis vor einem Jahr zum festen Ensemble des „Scheibenwischers“ gehörte und dort nach Zwistigkeiten über die Ausrichtung der Sendung ging. Eine gute Entscheidung, denn jetzt kann er sein ganzes Potenzial zeigen und ist nicht nur auf die Rolle als Rentner Dombrowski festgelegt (die allerdings wirklich großartig ist). Zweiter Spielleiter ist Urban Priol, der mit der Steckdosenfrisur. Gäste wie Hagen Rether, Josef Hader, Frank-Markus Barwasser, Jürgen Becker, Piet Klocke oder Alfred Dorfer ergänzen das Programm zumeist aufs Feinste. Selbst so peinliche Nullnummern wie der Kabarett-Ossi vom Dienst, Uwe Steimle, können da kaum Schaden anrichten.

Dass das Ganze den Mitspielenden Spaß macht, merkt sogar der Zuschauer. Das ist bei den abgehangenen Berufsspöttern Bruno Jonas oder Richard Rogler schon lange nicht mehr der Fall.

Wie der Volksfreund sich inspirieren lässt

Schon erstaunlich: Am 17. Juni brachte 16vor.de dieses Interview mit dem Journalisten Peter Jamin, der ein Buch über Vermisstenfälle geschrieben hat – ein zurzeit in Trier leider sehr aktuelles Thema. Heute zieht der Volksfreund mit einem Jamin-Interview (online nur für Abonnenten) nach, in dem einem bis hin zu den Formulierungen des Interviewten so manches bekannt vorkommt, wenn man das 16vor-Stück gelesen hat.

Ich vermute mal, dass so ein bewusster oder versehentlicher Ideenklau nicht durchgegangen wäre, wenn es sich um eine gedruckte Konkurrenzzeitung gehandelt hätte. Aber 16vor.de ist ja nur Internet.

[Dafür wartet der Veranstaltungskalender des Volksfreunds mal wieder mit exklusiven, um nicht zu sagen: falschen Informationen auf.]

Preview zur Tabloid-Studie

Eine Preview zu unserer Studie zu Tabloid- und Broadsheetzeitungen bietet dieses Interview im Ifra-Magazin zeitungstechnik. Hans-Jürgen Bucher gibt darin einen ersten Einblick in einige unserer Ergebnisse dazu, wie Zeitungsleser tatsächlich lesen. Ein Auszug:

Im Unterschied zu den bisherigen Annahmen über das Zeitungslesen sind wir zu der vielleicht wichtigsten Einsicht gelangt, dass die Zeitungslektüre einem Zonenprinzip folgt. Das heißt, die Leser erschließen sich die Seite nicht entlang von Einzelelementen, sie springen nicht von einem Einzelelement zum andern. Vielmehr wird die Zeitungsseite grob in Rezeptionszonen zerlegt und die Leser bewegen sich zunächst innerhalb der einzelnen Zonen, erschließen sich eine Zone und wechseln dann in eine andere. Natürlich können sie in eine Zone auch wieder zurückkehren. Dieses Zonenprinzip halten wir für eine ganz neue Einsicht. Neben diesem Zonenprinzip gibt es noch das Nachbarschaftsprinzip, d.h. wenn ich bei einem Element bin, das mich besonders interessiert, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich ein anderes Element, das daneben liegt, ebenfalls wahrnehme. Eine Anzeige beispielsweise, die in einem attraktiven redaktionellen Umfeld steht, wird eher wahrgenommen als eine Anzeige, die in einem unattraktiven Umfeld steht.

Als Leser habe ich ja nur begrenzte Zeit und es interessiert mich nicht alles. Von daher ist es logisch, dass sich Leser einen ökonomischen, zeitsparenden Weg für die Seitenerschließung zurechtlegen; wir sprechen von der so genannten „Aufmerksamkeitsökonomie“. Das deckt sich auch ziemlich gut mit dem, was die Wahrnehmungspsychologie herausgefunden hat, nämlich dass wir in allem, was wir sehen, eine Gestalt zu erkennen versuchen. Eine Zeitung, der es gelingt, sich als geordnete Gestalt zu präsentieren, gilt auch als leserfreundlich. Insofern liefern unsere Befunde den empirischen Nachweis, dass der modulare Blockumbruch tatsächlich eine sinnvolle Vorgehensweise ist, da er dazu dient, solche Zonen zu schaffen.

Der vollständige Bericht zu unserer Eyetrack-Studie erscheint in Kürze bei der Ifra in der Reihe „Special Reports“.

Burning humanity: Ein neuer Coup der „Yes Men“

Die wunderbaren „Yes Men“ haben wieder eine Kostprobe ihrer Fähigkeit zur „identity correction“ abgeliefert: Diesmal war eine Konferenz der kanadischen Energieindustrie das Ziel. Als mutmassliche Vertreter von ExxonMobile und des US-amerikanischen Natural Petroleum Council hielten Andy Bichlbaum und Mike Bonanno Vorträge vor zahlendem Fachpublikum. Die Message: ExxonMobile hat eine Alternative zum Öl entwickelt, Vivoleum. Gemacht aus menschlichen Leichen.

Zur drastischen Veranschaulichung bekamen die Teilnehmer Kerzen, die angeblich aus Vivoleum gemacht waren. Der Hoax flog erst mit diesem Video auf, in dem ein angeblich kürzlich verstorbener Exxon-Mitarbeiter erklärt, dass er seinen Körper nach dem Abbleben zur Herstellung von Vivoleum – und damit eben dieser Kerzen – zu Verfügung stellen möchte.

Während viele bisherige Hoaxes der Yes Men so begannen, dass Konferenzveranstalter über Fake-Websites etwa mit der vermeintlichen WTO in Kontakt kamen, haben die Yes Men in diesem Fall sich selbst als Vortragende angeboten.

Eine erste Linksammlung zu Material und Reaktionen gibt es hier. Den Dokufilm zu einigen früheren Aktionen dort.

Zeitungsmarketing, suboptimal

Im Nachhak-Brief zum Probeabo fragt mich die Frankfurter Rundschau, was ich von FR:PLUS halte, den täglich wechselnden Themenschwerpunkten. FR:PLUS gibt es allerdings in der seit zwei Wochen im Tabloidformat erscheinenden neuen FR nicht mehr. Keine wirklich überraschende Entscheidung, schon im September 2006 sagte Chefredakteur Uwe Vorkötter in epd medien zu seinen Umbauplänen:

„Wir lassen uns eine Menge Neues einfallen, und wir überprüfen alle bestehenden Formen, auch FR-plus. Aus meiner Sicht ist FR-plus zu weit weg vom Tagesgeschehen, außerdem limitiert das Konzept den redaktionellen Platz im Aktuellen.“

Der Kommunikationsweg zu Marketing und Vertrieb scheint bei der FR besonders lang zu sein. Oder es musste noch altes Promomaterial aufgebraucht werden.