Archiv für den Monat: April 2007

Interactive Database Journalism

Ein gutes Beispiel für datenbank-basierte, nutzergesteuerte Darstellungen ist dieses Tool der New York Times, mit dem sich die „State of the Union“-Reden von George Bush anhand von Schlüsselbegriffen analysieren lassen. Das Teil ist intuitiv bedienbar, enthält schöne Visualisierungen im ebenso schlichten wie stilbildenden Design der NY-Times-Grafiken und bietet eine gelungene Verknüpfung von visuellen und textlichen Elementen.

Für mich ein schönes Beispiel für die Potenziale des Onlinejournalismus in Sachen Nutzersteuerung und Umgang mit großen Datenmengen. Dem Nutzer wird ein Interface bereitgestellt, mit dem er selbst Auswahl und Darstellung der ihn interessierenden Aspekte bestimmen kann. Offenbar eine Spezialität der nytimes.com.

Trier lokal auf 16vor.de

Trier hat eine neue, lokale Onlinezeitung: 16vor.de bietet eine muntere und aktuelle Mischung aus Nachrichten, Berichten und Reportagen in den Ressorts Politik, Stadt&Menschen, Kultur&Medien, Sport&Spiel, Schule&Campus. Die Macher Christian Joericke und Marcus Stölb kooperieren dabei mit dem Veranstaltungsportal hunderttausend.de, das schon bei Programminformationen gezeigt hat, wie man die traditionelle Trierer Medienmacht Volksfreund schlank überholt. Da volksfreund.de auch im Nachrichtenteil stark auf Verschlüsselung, Partyfotos, buntes Blinken und Promotion setzt, dürfte ein offenes, klar strukturiertes Nachrichtenportal für die Stadt durchaus Lesernachfrage finden. Ob es auch für eine Anzeigenfinanzierung reicht?

Zum Titel des Magazins: 16 vor Christus wurde Trier gegründet.

Seminar zur Website-Optimierung

Das Potenzial der Website nutzen“ ist der Titel des Seminars, das die Ifra am 14. und 15. Juni in Darmstadt anbietet – mit meinem Kollegen Sebastian Erlhofer und mir als Referenten. Wir zeigen an vielen praktischen Beispielen, wie sich Websites so verbessern lassen, dass sie tatsächlich den Bedürfnissen der Nutzer entsprechen. Ein Schwerpunkt sind nutzerorientierte Verfahren des Usability-Testings, unter anderem der Einsatz der Blickaufzeichnung.

Das Seminar ist die Neuauflage eines Trainings, das wir im vergangenen Jahr bereits für die Ifra angeboten haben. Das Programm haben wir aktualisiert und um das Thema Suchmaschinenoptimierung ergänzt.

Quotenhuren und Taschenspieler

Einen Überblick über die aktuellen Probleme des Onlinejournalismus liefert die Studie „Klicks, Quoten, Reizwörter. Nachrichtensites im Internet“ (pdf), die Steffen Range und Roland Schweins für die Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt haben. Sie zeigen, wie die Abhängigkeit von Werbung, Quotendruck und Suchmaschinenoptimierung den Journalismus beeinflussen. Und sie ziehen eine etwas zu düstere Bilanz:

Kennzeichen des tatsächlich vorherrschenden Nachrichten-Journalismus sind Zweitverwertung, Agenturhörigkeit, Holzschnittartigkeit, Eindimensionalität und Einfallslosigkeit. Gegen das Trennungsgebot von Werbung und redaktioneller Berichterstattung wird systematisch verstoßen. Weder bestimmen Wichtigkeit und Relevanz allein die Nachrichtenauswahl der Websites, noch steht Originalität im Zentrum. Sie machen fast alles, was die großen Unterhaltungsportale auch machen – nur eben etwas schlechter, aufgrund von Geldknappheit und horrenden Kosten für die Aufrechterhaltung der Redaktionen.

Wenn die Nachrichtensites sich selbst in eine solche Lage bringen, brauchen sie keine Feinde von außen fürchten, sollte man meinen. Falsch, sagen die Autoren. In einer unmotivierten Thesensammlung zum Schluss steht leider auch noch folgendes:

Von Laien betriebene Vor- und Scheinformen von Journalismus in Gestalt sozialer Netzwerke und Weblogs erweisen sich als Bedrohung für den redaktionell betriebenen Journalismus.

(via netzjournalist)

Unfamous last words

Tragisch, wenn der letzte Satz eines Textes offenbart, dass der Journalist doch keine Ahnung hat. Ein Beitrag des MDR-Magazins Fakt endete heute so:

Doch leider sind nur 11 Prozent der Deutschen als Organspender registriert.

Wo? In der zentralen Organspender-Registratur? In Schäubles Rund-um-sicher-Datei? Bei Payback? Oder gibt’s Meilen?

Elend und Glanz der FAZ

Zwei Sätze aus einem Text der FAZ, die sehr schön zeigen, was man an der Zeitung hassen und lieben kann:

Zwei bislang als Beteiligte an der Ermordung Bubacks am 7. April 1977 Verurteilte sollen nach einem Bericht der Zeitschrift „Der Spiegel“ nicht an der Tat beteiligt beziehungsweise nicht – wie bislang nicht ausgeschlossen – Todesschütze gewesen sein: Knut Folkerts, der 1980 wegen gemeinschaftlichen Mordes verurteilt und 1995 aus der Haft entlassen wurde, soll sich nach einer Aussage Silke Maier-Witts an dem betreffenden Tag nicht in Karlsruhe, sondern in Amsterdam aufgehalten haben – wie die meisten anderen Mitglieder der RAF-Kommandoebene auch.

Wunderbar: „Zeitschrift ‚Der Spiegel'“.

Sonst: Unlesbar. Unter anderem dreimal „nicht“ in einem Satz. Dreifache Verneinung?!

[Disclaimer: Ich habe mal in der Redaktion von FAZ.NET gearbeitet. Kleines Sorry an Majid Sattar.]

Interview zu Journalisten in Kolumbien

Mit den so genannten „Neuen Kriegen“ befasst sich ein Themenpaket, das Journalistik-Studierende der FH Darmstadt mit den Kollegen Klaus Meier und Lorenz Lorenz-Meyer für die Website der Deutschen Welle produziert haben. Ein Schwerpunkt ist Kolumbien, dazu gibt es ein Interview mit mir zu Situation von kolumbianischen Journalisten.
[To do: Ein neues Foto besorgen.]

Multimedia-Features zu Virginia Tech

Zeit für einen Blick darauf, was es bei den Multimedia-Pionieren unter den Medienangeboten an interaktiven Grafiken zu Virginia Tech gibt – nicht aufgenommen habe ich hier einzelne Slideshows, Videos, Audios.

  • Die nytimes.com hat zwei „interactive features“: eine Infografik-Serie und eine Sammlung von Porträts der Getöteten
  • usatoday.com kombiniert in einem Special mehrere Angebote: Eine Lokalisierungsgrafik, eine interaktive Zeitleiste, Kurzporträts der Opfer und ein Video plus Animation zur Tatwaffe.
  • msnbc.com bringt in einem Multimedia-Special Auszüge aus dem Video und Schreiben des Täters, eine Zeitleiste sowie Fotos der Getöteten. Etwas bizarr: Der Warnhinweis vor den Auszügen des Täter-Schreibens und die Tatsache, dass einige Four-letter-Words geschwärzt wurden.
  • elapais.com zeigt in einer animierten Grafik Lokalisierung und Ablauf der Tat, verlinkt auf Video- und Audioinhalte.

Volksfreund im saarländischen Gewand

Gemeinhin ist das Ziel eines Zeitungsrelaunches ein moderneres, besser lesbares Layout. Nicht so beim Trierischen Volksfreund: Die zuvor klar modular gegliederten Seiten wirken jetzt zerfasert. Die Relation der Überschriftengrößen zwischen Einspaltern und Aufmachertexten ist nicht mehr stimmig. Warum also das neue Design? Womöglich weil es dem des Mutterblattes Saarbrücker Zeitung (beide Holtzbrinck) entspricht? Wenn da mal nicht die Verlagsmanager hoffen, dass bald eine kleine, knutsüße Synergie um die Ecke lugt.

Nicht lesen

Wolf von Lojewski hat ein Buch geschrieben. Das hätte er besser nicht getan. Er hat es in Trier vorgestellt. Ich bin hingegangen. Das hätte ich besser nicht getan. Zum Einstieg die gut abgeschriebenehangene Anekdote vom Kardinal und der Frage nach dem Bordell. Und dann eineinhalb Stunden von begründeter Analyse nicht berührter Vortrag zum Stand des Journalistenberufes. Ja, die Suche nach der Wahrheit treibt uns an. Wir wollen Skandale aufdecken. Die PR-Industrie ist gerissen. Parteibuch spielt keine Rolle für die Karriere. Wer Karriere machen will, muss am richtigen Bahnsteig stehen und in den ICE einsteigen.

Der Titel des Buches ist „Der schöne Schein der Wahrheit. Politiker, Journalisten und der Umgang mit den Medien„. Nicht lesen. Lieber Jürgen Leinemann: „Höhenrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker.“ Der hat wenigstens mal nachgedacht.