Gescheiterte Existenzen und „geborene“ Journalisten

Journalismus als Begabungsberuf? Nein, sagt Richard Wrede:

Was steckt denn in Wirklichkeit überhaupt hinter der Phrase vom „geborenen“ Journalisten? Nichts als die Binsenwahrheit, dass man eine gewisse Anlage und Neigung zu diesem Berufe haben muss. Aber ist das nicht mit jedem Berufe also? In dem Sinne giebt es „geborene“ Aerzte, Prediger, Anwälte, Offiziere, Cirkusreiter u. s. w. Wer kein Blut sehen kann, wird nie ein Arzt, wer stottert nie ein Prediger oder Anwalt, wer blind ist nie Offizier oder Cirkusreiter werden können, aber wer die angeführten Mängel nicht hat, auch sonst geistig und körperlich normal ist, wird nicht ohne weiteres nun als „geborener“ Arzt, Prediger und Offizier u. s. w. bezeichnet werden können, sondern die Neigung und die Liebe zum Berufe muss noch hinzukommen und ausserdem die — Fachbildung. Da sind nun die „geborenen“ Journalisten hinsichtlich ihres Berufes anderer Ansicht, sie meinen, sie brauchten sich nur an den Redaktionstisch zu setzen, dann würde es schon gehen. Das ist eine Ansicht, die auf das Entschiedenste zu bekämpfen ist, einmal weil sie objektiv falsch ist, und zweitens, weil gerade sie dazu geführt hat, den journalistischen Beruf in den Augen der Welt herabzusetzen. Es ist leider wahr, dass eine Anzahl gescheiterter Existenzen aus anderen Berufsarten glaubten, sich der Journalistik zuwenden zu können, dafür hätten sie Talent, denn eine gewisse Leichtigkeit in der Auffassung und Gewandtheit in der Wiedergabe genüge.

Aus: Richard Wrede (1902): Handbuch der Journalistik. Berlin, S. 8.

Lesenswert! Ein früher Verfechter einer fundierten Journalistenausbildung, die Theorie und Praxis vereint. Wrede hat 1899 eine Journalisten-Hochschule in Berlin gegründet – die sich allerdings nicht etablieren konnte. Kein Wunder: Die Debatte um den Begabungsberuf und den Sinn und Unsinn einer hochschulgebundenen Journalistenausbildung wird zum Teil ja heute noch geführt.

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