Archiv für den Monat: März 2007

Malofiej-Gewinner 2007 stehen fest: NY Times überzeugt multimedial

Die New York Times hat wieder einmal abgeräumt bei meinem Lieblings-Infografik-Wettbewerb Malofiej in Pamplona. Die Grafik Sector Snapshot bekam die höchste Ehrung, den Peter-Sullivan-Award. Das Thema ist zwar eher was für Aktienfreunde – doch die Idee, umfangreiche Datensätze nutzergesteuert darstellen zu können, setzt eine besondere Stärke von Online-Infografiken beispielhaft um. Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert eine weitere Grafik der NYT, die mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde: Hier geht es um die Darstellung von Wahlergebnissen.

Die Liste der Online-Gewinner mit Links gibt es hier (pdf). Eine Gesamtliste, die auch die Print-Gewinner, benennt, ist hier (pdf) zu finden. Um die Kategorien zu entschlüsseln, hilft leider nur ein paralleler Blick in die Ausschreibung (pdf).

[Und nächstes Jahr fahre ich auch unbedingt wieder nach Pamplona.]

Wenn Leser lesen, lesen sie – sagt Poynter

Poynter hat die ersten Ergebnisse der neuen Eyetrack-Studie vorgestellt. Leider wird an vielen Stellen nicht klar, was die Datenbasis ist und wie die Kategorien gebildet wurden. Ein Beispiel sind die Lesequoten: Wenn ein Leser einen Text zum Lesen ausgesucht hat, dann liest er nach Poynter im Tabloid 57 Prozent, im Broadsheet 62 Prozent und Online sogar 77 Prozent. Da will ich aber wissen:

  • Ab wann gilt ein Text als zum Lesen ausgesucht? Nach einer Zeile Lesebewegung in der Zeitung? Nach Aufruf der Volltextseite im Web?
  • Sind Print und Online in dem Punkt überhaupt vergleichbar? Im Print kann ich meine Entscheidung für oder gegen einen Text durch ein kurzes Anlesen treffen, online zunächst einmal nur durch den Teaser auf einer Übersichtsseite – vermutlich ist die Rezeptionshaltung dann medienspezifisch unterschiedlich.
  • Wie lang sind denn die Texte in den jeweiligen Medien? Vermutlich Online kürzer als im Print – dann sind die Prozentwerte schon mal wenig aussagekräftig.
  • Und: Wie viele Tests kamen in diese Auswertung?

So ist die Botschaft wohl vor allem eine Beruhigungspille für besorgte Textjournalisten: Seht her, die Leute lesen doch noch! Spannender ist dabei aber die Frage: Wie entscheiden sich denn die Leser für oder gegen einen Text? Welche Rolle spielt die Gestaltung? – Aber dazu gibt es dann ja bald Blickaufzeichnung07 aus Trier.

Abo-Service mal ehrlich

Immer wieder lustig ist es, beim Callcenter der Süddeutschen Zeitung eine Abo-Unterbrechung machen zu lassen, und dann zu nachzufragen, warum das eigentlich nicht online geht. Im Web gibt es per Formular in der Hinsicht alles, was der SZ keinen Umsatzverlust bringt: Gutscheine, Nachsendung, Spenden – aber eben keine schlichte Unterbrechung. Warum das so ist, darüber variieren die Aussagen der jeweiligen Callcenter-Mitarbeiter. Meistens ist etwas verdruckst davon die Rede, dass die Buchung so kompliziert sei, dass das nicht per Formular umzusetzen sei. Jetzt habe ich mal wieder einen Versuch unternommen, und endlich eine klare Auskunft bekommen: Angeblich gab es schon mal so ein Formular. Das sei allerdings so programmiert gewesen, dass die für Rückerstattungen üblichen acht Tage Unterbrechung nicht berücksichtigt und auch kürzere Unterbrechungen angenommen wurden. Das habe dann zu erheblichem Ärger geführt, weil den Kunden erklärt werden musste, warum sie keine Rückerstattung bekommen haben. Klingt leider plausibel. Wer noch nie einen Einblick in die Servicewüstewelt der klassischen Printverlage hatte, hält das Problem für leicht lösbar. Ich nehme mal an, dass das nicht gerade oben auf der To-do-Liste steht.

Sieben Tipps fürs Web-Texten

Schreiben fürs Web ist keine Geheimwissenschaft. Chris Nodder von der Nielsen Norman Group kommt mit sieben Tipps aus, um zu erklären, worauf es ankommt – und was auch Print-Schreiber sich zu Herzen nehmen sollten:

Good writing techniques will never go out of fashion. In fact, even print publications can benefit from the same guidelines we suggest for creating Web content.

We suggest that writers:

  • Use the inverted pyramid. Start with the conclusion.
  • Write abstracts or summaries for longer content.
  • Tell readers what questions they can expect an article to answer.
  • Make small chunks of content with one or two ideas in each chunk.
  • Group content that is similar.
  • Write unique titles, headings and subheadings.
  • Make lists, not paragraphs. Bulleted lists and white space can break up text.

Kann man natürlich auch ein mehrtägiges Seminar draus machen. Den ganzen Text gibt es bei den Poynters.

Text portionieren, Nutzer führen

Mal ein kurzer Blick auf’s Detail: Wie gehen Newssites damit um, wenn sie lange Texte portionieren und auf mehrere Seiten verteilen? Bei Spiegel online gibt es dazu eine neue Lösung, die so aussieht:

spon_23_03_2007.jpg

Das ist aus mehreren Gründen recht schick:

  • Der Leser kann die Seiten über die Seitenzahlen direkt ansteuern.
  • Dem Leser wird der aktuelle Standort im Text signalisiert.
  • Über „weiter“ kann linear durchgegangen werden.
  • Die Teaser unter dem Text erlauben zusätzlich, den Lektürepfad nach inhaltlichen Aspekten zu wählen (was voraussetzt, dass der Text tatsächlich gut strukturiert ist).

Das Prinzip, Navigationsalternativen anzubieten, ist hier erfüllt. Aber: Wird dem Leser klar, dass es sich um funktional äquivalente Navigationsoptionen handelt? Oder ist er eher verwirrt über das Überangebot? Das wäre mal einen Usability-Test wert.

Zum Vergleich mal ein Blick auf die Lösung, die sueddeutsche.de gewählt hat:

sz_23_3_07.jpg
Auch hier: Standort ist klar, Navigationsoptionen linear über „vor“ und „zurück“, außerdem über die Seitenzahlen. Da bei sueddeutsche.de insbesondere längere Zeitungstexte portioniert werden, ist eine auf den Inhalt bezogene Strukturierung natürlich schwieriger.

Ab welcher Textlänge Leser tatsächlich lieber klicken als scrollen, ist allerdings eine ganz andere Frage.

Zeitung ohne Räder

Der Chefredakteur von onruhr.de, Uwe Knüpfer, in der Frankfurter Rundschau:

Es wird auf Dauer nicht mehr möglich sein, die Kosten für Papier, Druck und Vertrieb durch Kaufzeitungen zu erwirtschaften. Jedenfalls nicht im Segment der Publikumszeitungen, der Regionalzeitungen. Wie versuchen sich viele Verlage zu retten? Indem sie an den Inhalten sparen. Das ist so, als würde Daimler in seine Limousinen Plastiksitze einbauen und Bremsbeläge weglassen.

Hat er Recht. Aber: Wer ein Auto ohne Räder anbietet, hat es vielleicht auch nicht ganz leicht. Und nichts anderes scheint mir diese pdf-Zeitung onruhr zu sein. Lieber zu Fuß gehen als dieses seltsame Produkt zu bedienen, das im Web ein wenig Zeitungsnostalgie verbreiten will, aber doch webspezifische Nutzungsgewohnheiten komplett ignoriert.

Gescheiterte Existenzen und „geborene“ Journalisten

Journalismus als Begabungsberuf? Nein, sagt Richard Wrede:

Was steckt denn in Wirklichkeit überhaupt hinter der Phrase vom „geborenen“ Journalisten? Nichts als die Binsenwahrheit, dass man eine gewisse Anlage und Neigung zu diesem Berufe haben muss. Aber ist das nicht mit jedem Berufe also? In dem Sinne giebt es „geborene“ Aerzte, Prediger, Anwälte, Offiziere, Cirkusreiter u. s. w. Wer kein Blut sehen kann, wird nie ein Arzt, wer stottert nie ein Prediger oder Anwalt, wer blind ist nie Offizier oder Cirkusreiter werden können, aber wer die angeführten Mängel nicht hat, auch sonst geistig und körperlich normal ist, wird nicht ohne weiteres nun als „geborener“ Arzt, Prediger und Offizier u. s. w. bezeichnet werden können, sondern die Neigung und die Liebe zum Berufe muss noch hinzukommen und ausserdem die — Fachbildung. Da sind nun die „geborenen“ Journalisten hinsichtlich ihres Berufes anderer Ansicht, sie meinen, sie brauchten sich nur an den Redaktionstisch zu setzen, dann würde es schon gehen. Das ist eine Ansicht, die auf das Entschiedenste zu bekämpfen ist, einmal weil sie objektiv falsch ist, und zweitens, weil gerade sie dazu geführt hat, den journalistischen Beruf in den Augen der Welt herabzusetzen. Es ist leider wahr, dass eine Anzahl gescheiterter Existenzen aus anderen Berufsarten glaubten, sich der Journalistik zuwenden zu können, dafür hätten sie Talent, denn eine gewisse Leichtigkeit in der Auffassung und Gewandtheit in der Wiedergabe genüge.

Aus: Richard Wrede (1902): Handbuch der Journalistik. Berlin, S. 8.

Lesenswert! Ein früher Verfechter einer fundierten Journalistenausbildung, die Theorie und Praxis vereint. Wrede hat 1899 eine Journalisten-Hochschule in Berlin gegründet – die sich allerdings nicht etablieren konnte. Kein Wunder: Die Debatte um den Begabungsberuf und den Sinn und Unsinn einer hochschulgebundenen Journalistenausbildung wird zum Teil ja heute noch geführt.

Poynter kündigt Eyetrack07 an

Nicht nur hier in Trier gehen die Auswertungen für eine umfangreiche Blickaufzeichnungsstudie zum Zeitunglesen in die letzte Kurve: Auch das Poynter-Institut kündigt die baldige Präsentation von Ergebnissen seiner jüngsten Eyetracking-Untersuchung an. Ein paar Rahmendaten gibt es schon: Getestet wurden Tabloid- und Broadsheetformate sowie Online-Newssites. Insgesamt waren rund 600 Probanden beteiligt – und alles wurde von Hand codiert. Auf die Ergebnisse bin ich jedenfalls gespannt: Einige der Fragestellungen der Poynter-Studie sind ähnlich wie bei unserer Trierer Untersuchung, auch methodisch gibt es ein paar Übereinstimmungen (zum Beispiel die Begrenzung der Lesezeit auf 15 Minuten). Interessant auch die zeitlichen Parallelen: Im September 2005 habe ich mich bei Poynter in St. Petersburg mit der Projektkoordinatorin Sara Quinn unterhalten: Da gab es für beide Projekte die ersten Vorüberlegungen. Jetzt, eineinhalb Jahre später, kommen nahezu zeitgleich die Befunde auf den Tisch.

Tiere, Kinder, Themenkarrieren

Was verzückt die Leser? Tiere und Kinder. Weiß jeder Volontär nach 4 Wochen. Noch besser: Tierkinder. Die hohe Kunst der Dramaturgie zeigt uns der Spiegel am Beispiel Knut: Erst fordern ungenannte Tierschützer im Print-Spiegel, den kleinen Eisbären zu töten. Dann wird etwas Empörung rantelefoniert, und auch die Leser dürfen ihren Teil dazu beitragen. Schließlich, wenig überraschend: Knut soll weiterleben!

Klar, ein wenig Recherche hätte diese schöne Geschichte natürlich kaputt gemacht. Aber gut, so haben alle ihre Fotostrecken gehabt – süüüß!