Neue Veröffentlichung: Texten für Online

Dem aktuellen Medium Magazin liegt eine Journalisten-Werkstatt bei, in der Steffen Büffel (mediati) und ich ein paar Gedanken und Tipps zum Online-Texten aufgeschrieben haben. Wir nähern uns dem Thema durch die Brille des Lesers und leiten ab, worauf es beim Schreiben fürs Web ankommt. Außerdem geht es darum, ein paar althergebrachte Meinungen zu hinterfragen - Mythen und Irrtümer des Online-Textens. Ein längeres Stück zeigt, worauf es bei Teasern ankommt. Außerdem schreiben zwei Gastautoren: Klaus Jarchow hat einen sehr schönen Text über Stil im Web 2.0 beigetragen, Peter Schink gibt Tipps zur redaktionellen Suchmaschinenoptimierung. In einer Umfrage geben die Online-Experten Rüdiger Ditz (Spiegel online), Jochen Wegner (Focus online), Jens Nähler (HNA), Rainer Kurlemann (rp-online) und Marc Springer (Vorarlberger Nachrichten) Auskunft, was gute Online-Journalisten heute können sollten - und wie der Crossover von Print und Online am besten funktionieren kann.

Die 16-seitige Werkstatt gibt es im Prinzip auch einzeln beim Verlag Oberauer zu bestellen - sie ist allerdings noch nicht im Shop gelistet (und Bestellungen bedürfen mitunter mehrfachen Nachhakens).

Kartoffeljournalismus im unteren Printmedien-Sektor

Vor dem Bratwurstjournalismus war der Kartoffeljournalist. So ließ jedenfalls Frank Schulz seinen Romanhelden Bodo Morten in “Morbus fonticuli” sich selbst einordnen. Das 2002 erschienene Opus zeichnet sich durch vieles aus, vor allem aber dadurch, dass es einige sehr schöne Schilderungen über den Journalismus “im unteren Printmedien-Sektor” (wie ein weiterer Akteur des Romans sich ausdrückt) in den 90er Jahren enthält. Bodo Morten nämlich steigt darin vom Praktikanten zum stellvertretenden Chefredakteur des “Elbe Echo” auf, einem Anzeigenblatt im süderelbischen Hamburg. Eine besonders ungeliebte Aufgabe: Die “Frage der Woche”.

Man stand in der Fußgängerzone herum - Tasche, Kamera, Notizblock, Kugelschreiber, Regenschirm - und koberte sich ‘nen Wolf, und wenn man endlich einen erwischt hatte, der nicht gleich “Keine Zeit!” oder schlicht “Nein!” rief und abdrehte, wenn man von schräg vorn in seine vorausberechnete Bahn eindrang und ihn - als erstes, immerhin hatte man Lehrgeld gezahlt - ums Einverständnis zum Foto fragte, machte der sich aus dem Staub - “Nee, nee, in die Zeitung, nee…” Man mußte mindestens dreißig Mobeinheiten verfolgen, bis man drei verhaftet hatte. Und die stammelten dann meist ein und denselben Kram zusammen, so daß man auch noch Artikulationshilfe zu leisten hatte - und zwar ad hoc und nicht erst im Redaktionsbüro, damit nicht jede Woche wieder drei Leute anriefen und kreischten: “Hab ich nie gesagt! Ich kann mich ja nirgends mehr blicken lassen!” (Seite 208)

Ein Lesetipp - ebenso wie die beiden anderen Bücher aus Schulz’ Hagener Trilogie, “Das Ouzo-Orakel” und “Kolks blonde Bräute”. Aber mit vorsichtiger Warnung: Nicht jeder findet das lustig.

Vortrag in Leipzig: Design-Trends für die Zeitung von morgen

Am Montag spreche ich bei einer Tagung des Instituts für praktische Journalismusforschung in Leipzig über “Design-Trends crossover – wie gestalten wir die Zeitung in Zukunft?” Die Tagung (Programm) befasst sich mit Erkenntnissen der Leseforschung und ihren Ableitungen für die Produktion gedruckter und digitaler Medien.

Ein Schwerpunkt sind dabei Ergebnisse aus Eyetracking-Studien - und dafür sind ein paar gute Leute eingeladen, zum Beispiel Kenneth Holmqvist vom Humanities Lab der Universität Lund (Schweden) und Regina McCombs vom amerikanischen Poynter Institute. Wie sich Crossmedia in der Praxis umsetzen lässt, erklärt Peter Schink (mediati). Ein Fallbeispiel liefert Jan Paul van der Wijk vom niederländischen NRCNext. Die Leipziger Kollegen stellen Ergebnisse ihrer Nutzungsstudien vor.

Die Angst vorm richtigen Lesen im falschen (Medium)

Ob Jakob Nielsen weiß, was er mit “Studien” wie dieser oder jener angerichtet hat? Im Netz, so suggerieren es die bunten Bilder zum F-Shaped-Pattern, wird nicht gelesen. Das Auge des Nutzers hüpft unruhig über Absatzanfänge und Schlüsselwörter, kommt nicht in einen ruhigen Lesefluss. Der Leser scannt und skimmt, und wenn er liest, dauert das 25 Prozent länger.

Ein starkes Argument also für alle Kulturpessimisten, für die das Lesen von Gedrucktem die einzig gültige Rezeptionsform darstellt (siehe etwa hier). Jetzt herausgegriffen von der Zeit-Redakteurin Susanne Gaschke in ihrem Buch “Klick: Strategien gegen die digitale Verdummung”. Ja, darauf läuft das Netzlesen letztlich hinaus: Verdummung. Umso schöner, wie sich Felix Schwenzel damit in dieser ausführlichen Besprechung auseinandersetzt, um zu dieser feinen Eigenbeobachtung zu kommen:

gaschkes buch hat meine wahrnehmung verändert. neuerdings erwische ich mich manchmal beim lesen eines längeren textes am bildschirm, wie ich plötzlich das interesse am text verliere. ich denke dann an gaschke und ihre these, dass man bildschirm nicht ordentlich lesen könne, reisse mich zusammen und lese trotzig den text zuende. später fällt mir dann manchmal auf, dass mir das ebenso oft mit zeitungen oder büchern passiert. entweder bin ich schon total verblödet oder gaschke hat es tatsächlich geschafft meine aufmerksamkeit zu schärfen.

Eben, eben. Wer sagt denn, dass Zeitungen ganz anders gelesen werden? Dass hier das Auge im Selektionsprozess nicht auch hin- und herspringt? Dass Leser sich dabei nicht auch GEGEN das Lesen einzelner Texte entscheiden? Genauer: Sogar gegen das Lesen der meisten Texte einer Zeitungsausgabe?

Nielsens F-Shaped-Pattern ist eine Beobachtung aus unterschiedlichen Studien mit unterschiedlichen Zielen - das zeigt schon die kurze Beschreibung: “we recorded how 232 users looked at thousands of Web pages”. Ein konsistentes Setting zur gezielten Beantwortung der Lese-Frage sieht anders aus: Nutzungsmotivation, Aufgabenstellung, Auswahl der Stimuli - all das kennen wir nicht. Gleichwohl ist das F-Shaped-Pattern für Selektionsprozesse beim Lesen plausibel.

Nur - warum sollte das bei einer Zeitung anders aussehen? Leider geben die Eyetracking-Tools bei Aufzeichnungen mit Printmedien keine so schönen Heatmaps aus. Die Blickverläufe zeigen aber ganz klar: Auch bei Zeitschriften und Zeitungen wird gescannt und geskimmt - sonst könnte die Rezeption auch nicht annähernd ökonomisch geschehen. Flüchtigkeit ist in vielen Rezeptionsphasen sinnvoll, nicht böse. Ob es da eine Veränderung im Zeitverlauf gegeben hat, ob früher in der Vor-Bildschirm-Ära anders gelesen wurde - dazu gibt es keine Erkenntnisse. Wahrscheinlich ist es aber nicht.

Insofern kann die Aufgabe für Medienmacher - egal ob Print oder Online - nur lauten: Macht die Angebote so, dass die Nutzer schnell und eindeutig selektieren können, ohne verwirrt und in die Irre geführt zu werden: Die Form ist Teil der journalistischen Funktion.

Neuer Artikel: Wie Zeitungen Multimedia und Social Media nutzen

Mit aktuellen Trends zum Einsatz von Multimedia und Social Media auf Zeitungswebsites befasst sich ein Artikel, den ich zusammen mit Steffen Büffel für das Medium Magazin geschrieben habe. Grundlage ist die Erhebung “Zeitungen online”, die Steffen Büffel seit einigen Jahren in Zusammenarbeit mit wechselnden Kollegen durchführt. Die Studie erfasst jedes Jahr neu, welche Features die gut 250 Websites deutscher Zeitungen aufweisen. Im gerade abgelaufenen Jahr habe ich eine Analyse der Videoaktivitäten deutscher Zeitungsverlage beigesteuert. In dem Artikel fassen wir fünf zentrale Beobachtungen zusammen und kommen zu dem Fazit, dass zwar inzwischen viele Redaktionen die technischen Möglichkeiten von RSS, Twitter, Video und Co. kennen, es aber oft genug an einer journalistischen Strategie fehlt, diese auch sinnvoll einzusetzen.

Qube - ein Prototyp der Zeitung von morgen

Dringender Lesetipp: Journalismus-Studierende unserer Hochschule haben in einem Projektseminar mit dem Kollegen Lorenz Lorenz-Meyer die Zeitung der Zukunft konzipiert - eine Zeitung, die sie selbst gerne lesen würden. “Qube” erscheint an drei Wochentagen, ist hintergründig und meinungslastig. Aktuelle Berichterstattung liefert die dazu gehörige Website. Den Prototyp der Printausgabe gibt es hier als pdf, dort als E-Paper (gedruckt ist es übrigens erst recht ein Hingucker). Welche Überlegungen hinter dem Konzept stehen, ist in einem Dossier für das Medium Magazin nachzulesen.

Video auf Zeitungs-Websites: Vortrag in Potsdam

Auf der Jahrestagung der DGPuK-Fachgruppe “Visuelle Kommunikation” am Wochenende in Potsdam präsentiere ich Ergebnisse einer Studie zum Einsatz von Video auf Zeitungswebsites. Die Erhebung habe ich mit Steffen Büffel (mediati) gemacht - sie ergänzt die fortlaufende Studie zu Zeitungswebsites in Deutschland. Immerhin haben inzwischen gut 60 Prozent aller Zeitungen Bewegtbilder auf ihren Websites. Es dominiert allerdings Agenturware. 40 Prozent bieten Selbstgedrehtes. Aufwand und Qualität sind aber wechselhaft - die Bandbreite reicht vom einzelnen Videoschnipsel bis zur kompletten täglichen Newsshow.

Vortrag zu interaktiven Infografiken an der HdM

Am Freitag bin ich auf dem 8. Symposium für Informationsdesign an der Hochschule der Medien in Stuttgart mit einem Vortrag zur Rezeption von interaktiven, multimodalen Infografiken vertreten. Und um genau diesen Typus von Infografiken dreht sich quasi auch die gesamte Tagung. Das Programm ist vielversprechend und bringt Praktiker und Forscher zusammen.

Wechsel nach Darmstadt, Abschied von Trier

“Bei der grossen Bedeutung, die das Zeitungswesen für das gesamte Kulturleben hat, ist es Pflicht jedermanns, darauf zu dringen, dass die Angehörigen des Journalistenstandes ihres Berufes würdig und in jeder Weise zweckmässig ausgebildet werden, damit sie den schweren Pflichten desselben vollkommen gerecht werden können.” (Richard Wrede: Handbuch der Journalistik. Berlin: 1902)

Mein Platz in der Journalistenausbildung ist ab 1.10. an der Hochschule Darmstadt. Ich werde in den kommenden zwei Semestern eine Professur für Journalistik vertreten, Schwerpunkt Online-Medien und Crossmedia. Dabei werde ich in den Studiengängen Onlinejournalismus und Wissenschaftsjournalismus am Campus Dieburg lehren - darauf freue ich mich.

Zugleich verabschiede ich mich von der Universität Trier, meinen Kollegen, Mitarbeitern und Studierenden in der Medienwissenschaft. Danke an alle!

Vortrag: Dynamische Web-Inhalte in der Blickaufzeichnung

Am Samstag werde ich auf der Tagung der Methoden-Fachgruppe der DGPuK in Mainz einige Überlegungen und Erfahrungen zur Blickaufzeichnung mit dynamischen Webinhalten beisteuern. Konkret geht es um die Frage, ob und wie Eyetracking für die Rezeptionsanalyse eingesetzt werden kann, wenn die Inhalte Videos oder Animationen sind. Eines der zentralen praktischen Probleme ist derzeit noch die Auswertung: Automatisierte Analysen wie bei der Blickaufzeichnung mit statischen Web-Inhalten gibt es noch nicht, so dass Aufzeichnungen zwar möglich sind, dann aber sehr viel Handarbeit nötig ist, um zu Ergebnissen zu kommen.

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