Kolumbien: Journalistenschule und Uni Indígena

In dieser Woche war ich noch einmal in Popayán in Cauca, Kolumbien, zur Fortsetzung von diesem und jenem Projekt. Mit den geschätzten Kolleginnen Edilma Prada, Ginna Morelo und Johana Moreno von Consejo de Redacción ging es um die weiteren Schritte hin zu einer Journalistenschule. Die Inhalte sind dabei nicht das Problem: CdR hat sehr viel Erfahrung mit Seminaren für Journalisten, vor allem mit Schwerpunkten wie investigativem oder Datenjournalismus, aber auch zur Berichterstattung über Konflikt, Frieden und Korruption. Schwieriger ist, eine Organisationsform und vor allem ein Finanzierungsmodell zu finden. Der Plan ist, im zweiten Halbjahr des nächsten Jahres mit einem mittelgroßen Kursangebot an den Start zu gehen. Bis dahin sind noch ein paar Schritte zu gehen, aber die Route steht.

Außerdem hatte ich wieder Gelegenheit, mit Dozenten der Universidad Autónoma Indígena Intercultural (UAIIN) zu tagen. Für den gerade gestarteten Studiengang Comunicación propia intercultural gibt es einen relativ weit gediehenen Studienplan. Für ein paar Leerstellen, Überlappungen und Inkonsistenzen konnten wir hoffentlich gute Lösungen finden. Die UAIIN ist in einem Zwiespalt: Zum einen will sie Studiengänge anbieten, die den Bedürfnissen der comunidades indígenas und ihren Organisationsstrukturen gerecht werden. Zum anderen arbeitet sie auch daran, staatlich anerkannt zu werden – nicht zuletzt, um auch öffentliche Gelder zu bekommen. Das bedeutet, zu einem gewissen Grad die Vorgaben des Staates zu beachten, wenn es etwa um Workloads, Noten und Credits geht.

Die UAIIN ist dennoch keine Hochschule wie jede andere. Der Studiengang Comunicacion propia intercultural zum Beispiel hat ein paar sehr charmante Eigenheiten, die zugleich auch für Herausforderungen sorgen. Die Studenten werden quasi auf Empfehlung ihrer jeweiligen Gemeinschaften geschickt und sollen während des Studiums auch in den Gemeinschaften mitarbeiten – zum Beispiel bei einem Radiosender. Damit sammeln sie zum einen Erfahrungen, die dann wieder in den geblockten Unterrichtswochen in der UAIIN ausgewertet und mit den anderen Studierenden geteilt werden können.

Da ist es nur konsequent, wenn bei den Bewertungen auch die comunidades mitreden: Zu 25 Prozent fließen die Beurteilungen der jeweiligen Gemeinschaften in die Noten mit ein. Für weitere 25 Prozent ist die Studierendengruppe selbst zuständig, muss also ein System finden, sich gegenseitig zu bewerten. Beides nicht ganz einfach – und wir haben lange darüber geredet, wie sinnvoll Bewertungen per Note denn überhaupt sind (Fazit: eher nicht so, aber muss ja). Ein paar alternative Möglichkeiten sind dann auch auf den Tisch gekommen: eine Art Lehr-Lern-Vertrag, der auch die comunidades mit einbezieht, und damit auch eine gute Feedback-Möglichkeit an die Uni darstellt, Lerntagebücher oder schriftliche Praxisreflektionen. Was sich davon tatsächlich umsetzen lässt, ist schwer zu sagen: Im Moment agieren die wenigen festen orientadores (Dozenten) ohnehin schon an der Belastbarkeitsgrenze, so dass zusätzlicher Betreuungsaufwand kaum drin ist.

Beeindruckend ist auf jeden Fall, mit welchem Engagement die beteiligten Dozenten und Studenten ihr Projekt voranbringen – trotz sehr knapper Ausstattung. Es mangelt an Rechnern, die Bibliothek ist sehr bescheiden, die Studierenden haben weite Wege, um zu den Blockseminaren zu kommen – und wenn die Schlafsäle voll sind, wird auf dem Campus gezeltet. Das Gemeinschaftsgefühl, so scheint mir, ist dafür um so stärker. Auf jeden Fall lohnt es sich, den Studiengang weiter im Blick zu halten. Ich denke, von den Erfahrungen können wir noch einiges lernen. So manche “westliche” Gewissheit über Kommunikation stößt hier an ihre Grenzen.

Mein Dank geht an die Kolleginnen von CdR und an alle Mitwirkenden an der UAIIN, vor allem Nixon Yatacué. Como siempre: Una experiencia extraordinaria.

Redaktionsbesuch 2: El País, Marktführer in Uruguay

Die Foyers von Zeitungsverlagen sind ja gerne als kleines Technikmuseum eingerichtet. So steht auch bei El País in Montevideo im Eingangsbereich eine alte Linotype. Die Redaktion im ersten Stock arbeitet im Großraum – nur die Onlineredaktion ist in einem Glaskasten untergebracht, cocina digital wird sie hier genannt, die Digitalküche. Digitalchef Oscar Vilas hat seinen Arbeitsplatz aber am zentralen Newsdesk der Zeitung – diese Entscheidung war ein erster Schritt hin zu einer Integration von Print und Online. Es wird nun viel telefoniert und gelaufen, um die Kommunikation im Fluss zu halten.

Dass El País die auflagenstärkste Zeitung in Uruguay ist, sagen alle. Die genauen Zahlen der verbreiteten und verkauften Exemplare werden nicht kommunziert (ich muss mich wohl mal als Anzeigenkunde ausgeben und nachfragen). Online sieht es da etwas besser aus, hier zählt IAB. Im September kam elpais.com.uy demnach auf 9,6 Millionen Visits mit 55 Millionen Pageviews, gezählt jeweils inklusive diverser Sub-Angebote. Damit liegt El País weit vor dem zweitgrößten Angebot El Observador.

Eine Besonderheit der uruguayischen Zeitungswebsites ist, dass hier in der Morgenstrecke stark auf die Inhalte der Printausgabe gesetzt wird. Bei El País werden um 4 Uhr morgens fast alle Zeitungsinhalte freigeschaltet und dürfen auch erstmal ganz entspannt auf Leser warten, teilweise bis zum Nachmittag. Die Nutzungskurve hat ihren Peak zwischen 9 und 11 Uhr am Vormittag, eine typische Büronutzung. Die Onlineredaktion ist ab acht Uhr besetzt und beginnt dann, aktuelle Inhalte zu erstellen, die die Zeitungstexte nach und nach verdrängen.

Monitoring der anderen Medienangebote ist eine zentrale Aufgabe im Tagesverlauf, für die eigens Redakteure abgestellt werden. Das ist auch wichtig, weil es keine nationale Nachrichtenagentur gibt; vieles, was andere Medien berichten, wird weitergedreht. In der Spätschicht bereitet ein vierköpfiges Team die Zeitungsinhalte für den nächsten Tag vor, was in weiten Teilen Handarbeit ist – getrennte Systeme, keine vernünftigen Importroutinen, kennt man. Aber es wird auch neu hierarchisiert, teilweise die Überschriften angepasst, Links gesetzt oder Fotos verändert. Vier Multimediaredakteure produzieren auch Videos und interaktive Infografiken; ein durchgestreamtes TV-Angebot wie beim Observador gibt es allerdings nicht.

Digitalchef Oscar Vilas bringt lange Jahre Printerfahrung mit, mit Stationen in Brasilien, Argentinien und den USA. Vor elf Jahren stieg er dann bei El País ein, seit rund vier Jahren leitet er die Onlineredaktion. Einer der Gründe für seinen Wechsel war, so sagt er, dass die Redaktionsleitung damit ein Zeichen setzen und den Onlinern mehr Gewicht und Respekt in der Printredaktion verschaffen wollte. Auf lange Sicht sei eine integrierte Redaktion das Ziel, sagt Oscar Vilas. Doch bis dahin sei es noch ein langer Weg.

Journalistentagung in Buenos Aires: Ausblick auf die Medienpolitik

Gestern und heute war ich beim Jahreskongress des Foro de Periodismo Argentino, einer Journalistentagung in der Universidad de Palermo in Buenos Aires. Das Ganze hat mich ein wenig an die Jahreskonferenzen von Netzwerk Recherche erinnert. Auch hier ging es vor allem um den Erfahrungsaustausch in Workshops und Vorträgen. Unter den Vortragenden waren auch viele internationale Gäste, zum Beispiel Katitza Rodríguez von der Electronic Frontier Foundation oder Matthew Eltringham, der für die Website des BBC College of Journalism zuständig ist.

Ein Schwerpunktthema war investigativer Journalismus, es ging um die Recherche und Berichterstattung zu Drogenkartellen, organisierter Kriminalität und Korruption. Immer wieder ging es auch um die Schikanen, denen sich Medien und Journalisten unter der gegenwärtigen Regierung von Cristina Kirchner ausgesetzt sehen. Ein etwas anderes Bild also, als ich es auf der regierungsnahen Tagung vor ein paar Wochen erlebt habe. In Workshops ging es um Praktisches: Katitza Rodríguez stellte das Projekt Surveillance Self Defense vor, ein zielgruppenorientiertes Infopaket zur digitalen Sicherheit. Matías Fuentes von Google durfte ein paar Produkte seiner Firma vorstellen, die für Journalisten nützlich sein können.

Die Veranstalter von FOPEA hatten die Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen eingeladen, um sich von ihnen die Pläne für die Medienpolitik erläutern zu lassen. Es sind auch fast alle gekommen, nur die härtesten Kirchneristas würden sich so einer Diskussion nicht stellen. Für die Journalisten ist dabei vor allem interessant, wie die Kandidaten zu den staatlichen Interventionen in privatwirtschaftlichen Medien stehen. Ein großes Thema ist, wie Werbegelder von staatlichen Institutionen auf die Medien verteilt werden, ohne damit Politik zu machen und unliebsame Medien abzustrafen. Die Kandidaten, die ich gehört habe, sagen, dass sie es auf jeden Fall besser machen wollen als die gegenwärtige Regierung.

Morgen geht die Tagung weiter. Ich muss aber Koffer packen.

Bühnenjubiläum

Heute vor 25 Jahren ist meine erster Zeitungstext gedruckt worden. Gelegenheit, in bisschen in Erinnerungen zu kramen.

Ich war im Oktober 1989 bei einer Infoveranstaltung, es ging um Berufe bei der Zeitung. Und es sprach Peter Stemmler, stellvertretender Chefredakteur des Delmenhorster Kreisblatts, also der Zeitung, die bei uns jeden Tag im Briefkasten lag. Einige waren gekommen, um sich über den Druckerberuf zu informieren – ich war der einzige, der sich für den journalistischen Teil interessierte. Peter Stemmler hatte extra noch mal in irgendeinem Journalismus-Handbuch nachgeschaut, um ein paar kluge Dinge zu sagen. Unter anderem, dass Redakteure zwar eine politische Meinung haben dürften, ihr parteipolitisches Mäntelchen aber bitte sehr an der Garderobe abzugeben hätten, wenn sie in die Redaktion kämen. (Was ich mir unter anderem deshalb gemerkt habe, weil er sich später selbst nicht immer daran gehalten hat, aber das ist eine andere Geschichte.)

Wie das denn so mit einer freien Mitarbeit geht, wollte ich wissen. Einfacher, als ich dachte: Am folgenden Samstag fuhr ich mit Peter Stemmler in seinem beigefarbenen BMW zur Nordwolle, einem ehemaligen Industriegelände. Das damals noch ziemlich neue Fabrikmuseum feierte Museumsfest. Mein erster Termin. Und es konnte ja nicht viel schief gehen, denn notfalls würde eben der Chef den Text schreiben. Ich lief also rum, fragte Leute, sah mir alles an. Zuhause klöppelte ich den Text auf einer elektrischen Schreibmaschine (Typenrad!) zusammen. Am Sonntag Vormittag radelte ich in die Redaktion, den fertigen Text in der Tasche.

Die weiteren Schritte waren analog: Peter Stemmler schrieb den Einstieg und Schluss ein bisschen um und klebte die neue Version auf die Textzettel, die dann an die Texterfassung gingen. Für die Überschrift mussten die Buchstaben händisch gezählt werden, um dann zu sehen, ob das mit der vorgesehen Schriftgröße passt. Seitenlayout war noch Papiersache, das Typomaß wichtigstes Handwerkszeug.

Am Montag war der Text dann Aufmacher auf Seite 1 im Delmenhorster Kreisblatt – das seit langem den Lokalteil als erstes Buch vor dem zugekauften Mantel hatte. Zwar nicht mit Autorennamen, aber immerhin mit meinem Kürzel ps. Von “ps” erschienen dann in der folgenden Zeit allerlei Texte, Termine zumeist, darunter alles, was das Klischee begehrt: Kleingärtner mit irren Satzungsdiskussionen, Vogelzüchter, Hausfrauenbund. Bei manchen Texten bin ich ganz froh, dass sie nicht im Digitalen verewigt sind. Später machte ich dann sechs Wochen Praktikum in der Redaktion und schrieb auch ein paar eigene Stücke.

Damals gab es 50 Pfennig Zeilenhonorar – da bekommen viele freie Lokalschreiber heute weniger. Fotos machten die beiden festen Fotoredakteure (!). Ich habe damals einiges gelernt, auch dank der Redaktionskollegen, die mir viele hilfreiche Tipps gaben. Um mal ein paar zu nennen: Ilse Wittenburg, Mechthild Voigt, Ulrich Arlt, Michael Korn (der heute Chefredakteur des dk ist). Und vor allem Frank Schümann, der mich ermutigt hat, mit dem Journalismus weiterzumachen. Und Peter Stemmler, der dann später mein Chefredakteur war.

Das Delmenhorster Kreisblatt hat in den letzten 25 Jahren viele Turbulenzen erlebt, Redakteure entlassen, der Verlag ist aus dem Tarif ausgeschert, hat den Mantel selbst produziert, eine zweite Lokalausgabe für das benachbarte Ganderkesee ins Leben gerufen und wieder beerdigt. Und wie üblich in der Branche: Seit Jahren sinkende Auflagen. Vor kurzem wurde dann die Mehrheit des Verlags an die Neue Osnabrücker Zeitung verkauft.

Redaktionsbesuch: La diaria in Uruguay, Cousine der taz

Ich schreibe hier mal in loser Folge ein paar Eindrücke und Beobachtungen zu den Redaktionen auf, die ich besuchte habe. Den Anfang macht eine kleine Zeitung aus Uruguay: La diaria. Die Zeitung ist jung, sie wurde vor acht Jahren gegründet. Als ich vor dem Redaktionsgebäude, einem Altbau nahe der Plaza Independencia stehe, denke ich sofort an die taz. Im Erdgeschoss gibt es ein Café und einen kleinen Buchladen. Im Treppenaufgang zur Redaktion liegen Zeitungsstapel. Insgesamt fühlt sich das hier alles an wie bei der taz in Berlin. Und das ist kein Zufall. La diaria ist ebenfalls eine Genossenschaft und hat gute Drähte zur taz. Die Idee mit der dem Café als Veranstaltungsort kam aus Berlin, die taz nannte La diaria mal die “Cousine aus Uruguay” und unterstützte die Zeitung mit einer Soli-Kampagne. Gerade erschien in der taz ein Text von Marcelo Pereira, Meinungsredakteur bei La diaria, der die Präsidentschaft von Pepe Mujica bilanziert. (Gestern war Wahltag, es ging um seinen Nachfolger.)

Die Druckauflage von La diaria liegt nach eigenen Angaben bei knapp 10.000 Exemplaren, die Zeitung erscheint von Montag bis Freitag. Ob die Zeitung damit die zweithöchste Auflage im uruguayischen Zeitungsmarkt hat, wie sie selber schreiben, kann ich nicht nachvollziehen. Es gibt keine verlässlichen und unabhängigen Zahlen zu den Auflagen. Klar ist aber, dass es mindestens zwei Zeitungen gibt, die wesentlich größere Redaktionen unterhalten – wie das mit einer Auflage unter 10.000 klappen soll, weiß ich nicht.

Auffällig ist die Optik von La diaria: Es gibt in Print und Web nur schwarz-weiße Fotos, die mit viel Sorgfalt ausgewählt werden. Blau ist die Leitfarbe. (Am Rande: La silla vacia in Kolumbien, eine Website für unabhängigen und innovativen Politikjournalismus, sieht ganz ähnlich aus.) Die Website von La diaria ist im Wesentlichen eine Abbildung von Zeitungstexten, keine aktuelle Newssite. Nur bei sehr wichtigen Ereignissen wird kurz und nachrichtlich aktualisiert. Nach Angaben von Redakteur Gabriel Lagos zeigt sich, dass insbesondere die Meinungsstücke oder subjektive Formen stark im Web gefragt sind. Sie bekommen dort auch einen höheren Stellenwert als in der Zeitung. Auf der Website sind nur einige Texte sind frei verfügbar, für andere muss der Leser sich registrieren. Das Ziel ist, eine Paywall einzuführen.

In der Redaktion arbeiten rund 40 Personen, vier davon kümmern sich explizit um die Website und soziale Netzwerke. Vor allem Twitter ist dabei wichtig: 90.000 Follower hat La diaria dort, 40.000 Likes bei Facebook. Die Website hat rund 250.000 Besucher im Monat.

Seit dem vergangenen Jahr hat La diaria auch eine Fernsehlizenz (zusammen mit einer Kooperative, die audiovisuelle Produktionen macht). Der Start wird gerade vorbereitet – noch ist nicht ganz klar, wie die Redaktion der Zeitung an der Produktion beteiligt werden soll und wie die beiden Produkte zueinander positioniert werden.

Journalismus in der Krise, einmal anders

In dieser Woche habe ich einen Blick auf die ideologischen Verwerfungen zwischen Presse und Regierung in Argentinien werfen dürfen. Anlass war eine Tagung in Buenos Aires, die aus Anlass des 5-jährigen Bestehens des Mediengesetzes für audiovisuelle Kommunikation stattfand. Praktischerweise organisiert von der Regulierungsbehörde, die für dieses Gesetz zuständig ist – und damit quasi von der Regierung selbst. Ok, wer Geburtstag feiert, lädt sich halt Freunde ein. Es kamen Kommunikationswissenschaftler, Journalisten und andere Medienschaffende nicht nur aus Argentinien. Eine recht illustre Runde, die das Gesetz ziemlich klasse fand. Und die Regierung von Cristina Kirchner ohnehin.

Nun ist es so, dass das Gesetz durchaus viele gute Punkte hat: Die Rechte der Zuschauer und Zuhörer werden gestärkt, der Zugang zu Lizenzen für Radio und Fernsehen für nichtkommerzielle Anbieter wird deutlich verbessert. Außerdem gibt es Regeln für die Medienkonzentration. Und hier wird es heikel. Vor allem die Mediengruppe Clarín, Herausgeber der gleichnamigen Tageszeitung, steht seither unter Druck, Beteiligungen an Fernsehsendern aufzugeben. Der Konflikt mit der Regierung ist ein Dauerthema in Argentinien. Beide Seiten werfen sich regelmäßig vor zu lügen. Clarín missachte die Gesetze, sagt die Regierung. Die Regierung missachte die Pressefreiheit, sagt Clarín (ich verkürze hier mal, Langfassung in der spanischsprachigen Wikipedia). In diesen Tagen geht es jedenfalls ziemlich heftig hin und her.

Nun kam ich mir auf der genannten Tagung mit dem Titel “Medios y democracia” teilweise wie im Schützengraben vor, nämlich dem der Regierungsseite. In jedem zweiten Beitrag wurde auf Clarín geschimpft; der Diskurs insgesamt lässt sich grob so zusammenfassen: Private kommerzielle Medien sind schlecht für die Demokratie, ja, eigentlich ist an allem der Kapitalismus schuld, in dem das Publikum nur als Ware für die werbetreibende Industrie betrachtet werde.

Wie lässt sich denn Journalismus in dieser Perspektive verankern? Nun: Eher nicht. Interessant ist, dass der Begriff nur in einem von 15 Panels überhaupt im Titel auftauchte. Leitbegriffe sind eher Information, das Recht auf Kommunikation, Zugang zu Information, Qualität der Information, Informationsproduzenten. Tenor ist, dass es reiche, allen Gruppen aus allen sozialen Sektoren der Gesellschaft ausreichend Möglichkeiten zu geben, Informationen zu verbreiten und zu empfangen. Was genau denn eine Information ist, oder gar eine gute und wichtige, das bleibt weithin offen. Ich würde ja sagen: Der gute, alte Journalismus als eine professionelle, durch berufsethische Standards getragene Arbeitsweise, Themen zu finden, zu recherchieren und zu präsentieren, wäre ein ganz passender Ansatz. Aber dieser Journalismus, so erfahre ich auf dem einzigen Panel mit Journalismusbezug, ist kaputt, weil er in den Händen der “hegemonialen Medien” liege. Die Werbung habe den Journalismus korrumpiert. Ein Kollege aus Spanien sagte, dass Journalismus eigentlich nur noch Leute wie Julian Assange und Edward Snowden machen würden. Alles andere lasse sich nur als “servicio de información” betrachten, also irgendwie eine Informationsdienstleistung. Der Kollege brachte übrigens auch die ziemlich vertikale These mit, dass die Journalisten der New York Times sich nicht trauen würden, kritisch über Firmen aus dem breiten Portfolio des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim zu berichten, seit dieser eine siebenprozentige Beteiligung an dem Verlag halte.

Konzepte wie Pressefreiheit im westlichen Verständnis passen in diese Sicht nicht rein – zumindest dann nicht, wenn es um Journalismus von Unternehmen mit Gewinnstreben geht. Aber wie soll Journalismus dann finanziert und organisiert werden, so dass er auch tatsächlich seine Funktion erfüllen kann? Bei der Frage treffen sich dann wieder die Welten – mit dem Unterschied, dass es bei uns eher darum geht, dass die privatwirtschaftlichen Medien vermeintlich oder tatsächlich wirtschaftlich am Stock gehen, während ihnen hier in Argentinien noch rosigste Geschäfte und Expansionsdrang nachgesagt werden. Vielleicht lässt sich die Suche nach neuen Finanzierungs- und Organisationsmodellen für Journalismus ja zusammen betreiben.

Ins Gesamtbild passte, dass die Tagung an einem Nachmittag zur Propagandabühne wurde. In einer Live-Videoschalte sprach Cristina Kirchner – von Patagonien aus – mit Wladimir Putin in Moskau. Anlass war, dass der spanischsprachige Ableger des russischen Staatsfernsehens RT nun frei in Argentinien zu empfangen ist. Als einziger ausländischer Sender, übrigens. Und das argentinische Staatsfernsehen in Russland. Fanden auf der Tagung alle gut, so als Beitrag zur Meinungsvielfalt. Oder, wie Kirchner sagte, Information ohne Mittelsleute – was dann wohl die Journalisten wären. Die herbeibestellten Jubel-Kirchneristas sorgten für schöne, bunte Fernsehbilder. Aber Clarín hatte was zu meckern. In einem Meinungsstück heißt es, Cristina Kirchner würde wohl am liebsten eine Welt ohne Journalisten haben. Klar ist, dass der von ihr betriebene Diskurs Journalismus systematisch diskreditiert.

Zurück zur Tagung. Eine weitere Merkwürdigkeit war, dass das Thema Internet kaum eine Rolle spielte, obwohl im Untertitel was mit technologischer Konvergenz stand. Nun kann ja theoretisch (die Zugangsfrage klammere ich hier mal aus) das Internet das Problem, das das Mediengesetz lösen soll, überflüssig machen – also keine Beschränkungen der Kommunikation mehr durch knappe Frequenzen, jeder kann sich äußern, Dialog zwischen Medienmachern und Bürgern und so weiter. Aber die wenigen Beiträge mit Internetbezug endeten entsprechend des Leitdiskurses in einem Lamento über die Marktmacht von Facebook und Google, anstatt über das deliberative Potenzial des Mediums zu sprechen.

In gut einem Jahr wird in Argentinien gewählt. Vermutlich ist das auch ein Grund, warum der Konflikt um die Medien und den Journalismus heftiger wird.

Eigene Wege, eigene Kommunikation: Universidad Autónoma Indígena Intercultural

In der vergangenen Woche war ich zu Gast an der Universidad Autónoma Indígena Intercultural (UAIIN) in Popayán, Kolumbien. Die Hochschule wird betrieben vom Consejo Regional Indígena del Cauca (CRIC), der die Mehrheit der indigenen Ethnien in Cauca vertritt. Die Hochschule hat gerade einen neuen Studiengang Comunicación propia intercultural gestartet, der die eigenen Nachwuchs-Kommunikatoren ausbilden soll. Zusammen mit der Kollegin Edilma Prada von Consejo de Redacción konnten wir mit Dozenten und Studenten in der Woche eine Reihe von interessanten Themen diskutieren – und hoffentlich zum Gelingen des Studiengangs einen kleinen Baustein beitragen.

Zunächst stand für zwei Tage eine Minga de pensamiento an. Eine Minga ist eine Art Gemeinschaftsarbeit, zu der die Mitglieder der jeweiligen Gemeinschaft aufgerufen werden. Es kann dabei um Feldarbeit, den gemeinsamen Bau eines Fußballplatzes oder auch die Diskussion aktueller politscher Themen gehen. In einer offenen Runde mit Dozenten, Studenten und anderen Interessierten diskutieren wir vor allem, was die Kommunikationstechnologie für die indigene Kommunikation bedeutet – und wie sich einsetzen lässt, ohne die eigenen Prinzipien zu verletzen. Schnell wurde dabei deutlich, dass der Kommunikationsbegriff hier sehr weit und immer mit Blick auf Kultur und Tradition verwendet wird. Zugleich wird durchaus gesehen, dass etwa das Internet auch viele Stärken hat, die sich für die eigene Kommunikation einsetzen lassen – es ist also keine von außen aufgedrängte Notwendigkeit, sich mit digitaler Kommunikation zu befassen. Im CRIC sind digitale Medien selbstverständliche Mittel der Öffentlichkeitsarbeit. Etwas anders sieht es aus, je weiter man in die einzelnen comunidades kommt. Nicht überall gibt es Netz, viele haben keinen Zugang und entsprechend kaum Kompetenzen im Umgang mit dem Internet. Das ist auch eine der Herausforderungen des Studiengangs – und vielleicht auch als Stärke nutzbar: Heterogenität. Zugleich gibt es mit den radios indígenas auch schon bewährte Modelle, wie Medien für die Gemeinschaften eingesetzt werden können. Viele der Teilnehmer, auch viel der Studenten arbeiten in diesen Sendern, die oft nur über wenige Kilometer ausstrahlen, aber für die lokale Kommunikation eine sehr wichtige Rolle spielen.

Mit den Studenten standen dann zwei Tage Unterricht auf dem Plan. Unser Ausgangspunkt war Journalismus (im westlichen Verständnis), um dann jeweils die Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit der indigenen Kommunikation herauszufinden. Die Studenten haben einige interessante Modelle entwickelt, die zeigen, dass der Kontext von Kommunikation hier anders gedacht wird. Zum Beispiel steht immer die Gemeinschaft mit ihren Strukturen im Vordergrund – was die indigenen Autoritäten sagen, das zählt. Der übergeordnete Rahmen hört nicht bei Gesetzen oder Ethik auf, die Kosmovision und die Natur sind ebenfalls zentrale Referenzpunkte. Dabei geht es immer darum, die eigene Kultur, Sprache und Tradition zu erhalten und zu verteidigen. Mit Journalismus in unserem Verständnis hat Medienproduktion in diesem Kontext zunächst wenig zu tun, auch Konzepte von Öffentlichkeitsarbeit greifen nur zum Teil.

Insgesamt eine Woche mit großartigen Lehr- und Lernerfahrungen. Dank an Matthias Kopp von der DW-Akademie für die Koordination des Projekts. Muchas gracias a Nixon Yatacue, coordinador de la carrera en la UAIIN, y a mi colega incansable Edilma Prada.

Kolumbien: Konzepte für die Journalistenausbildung

In den vergangenen Tagen war ich zu Gast bei Consejo de Redacción in Bogotá, einer Journalistenorganisation, die sich vor allem dem investigativen Journalismus verschrieben hat. Eine der Stärken des Verbands ist, dass er Journalisten aus ganz Kolumbien, also auch den eher ländlichen Regionen vernetzt. Mit der Plataforma de Periodismo betreibt CdR auch ein Informations- und Weiterbildungsangebot für Journalisten, Schwerpunkt ist der Journalismus in Konfliktsituationen. Außerdem vermittelt CdR eine ganze Reihe von wichtigen Themen in Seminaren, unter anderem Datenjournalismus oder digitalen Journalismus.

Ziel der Organisation ist es jetzt, die Seminar- und Beratungsangebote zu konsolidieren und damit auch Einkünfte zu generieren. Wir haben dafür in dieser Woche verschiedene Modelle diskutiert und nächste Schritte definiert. Wie immer und überall ist die Ausgangslage dabei schwierig: Einerseits gibt es viel Bedarf an Ausbildung, Weiterbildung und Beratung – andererseits ist es nicht einfach, das auch finanziert zu bekommen. Die Ideen, die vielfältigen Erfahrungen und das große Engagement der CdR-Leute sind dabei ein großes Plus, um tatsächlich auch größere Projekte erfolgreich zu stemmen.

CdR hat seine Büros übrigens in der Universidad Javeriana, an der ich vor 18 Jahren selbst als Student war. Insofern war es für mich auch eine Rückkehr.

Muchas gracias a Ginna Morelo, Edilma Prada y Johana Moreno de CdR por las discusiones que tuvimos, ein herzlicher Dank geht auch an meinen Kollegen Matthias Kopp von der DW-Akademie.

Ecuador: Tod einer Zeitung

Ein Schlaglicht auf die Situation privatwirtschaftlicher Medien in Ecuador wirft die Schließung der Tageszeitung und Website Hoy, herausgegeben vom Medienhaus Edimpres. In der vergangenen Woche wurde sowohl die verbliebene Wochenend-Printausgabe als auch die Website eingestellt – die letzte Aktualisierung auf der Seite war vor rund 6 Tagen.

Ich war vor drei Wochen zu Besuch in der Redaktion. Schon da war die Lage schwierig. Die tägliche Druckausgabe war seit Ende Juni durch eine wöchentliche Ausgabe ersetzt worden, die allerdings auch nur eine Druckauflage von rund 10.000 Exemplaren hatte. Die wirtschaftliche Lage der Zeitung war schon länger angespannt. Die Redaktion hegte jedoch die vage Hoffnung, mit der Website unter der neuen Marke Hoy digital überleben zu können. Ein neues Layout, angelehnt an die Huffington Post, sollte die Attraktivität des Dienstes steigern.

Hoy galt lange als eine der innovativsten, kritischsten und diskussionsfreudigsten Zeitungen des Landes. Schon bei der Gründung 1982 erschien sie als erste Zeitung Ecuadors komplett in Farbe. Das Layout war ein modern und modular, Infografiken prägten das Blatt. 1993 war sie die erste Zeitung Lateinamerikas im Internet. Journalisten sehen aber vor allem auch eine neue Qualität der politischen Debatte als großes Verdienst der Zeitung: Sie hat früh auf Themen wie die Entwicklung der Demokratie, Kritik an der Regierung, Rechte der Indigenen oder Ökologie gesetzt. Der Regierung Rafael Correa war das Blatt ein Dorn im Auge.

Die Schließung hat nun die staatliche Unternehmensaufsicht verfügt, die bei Unternehmen in allen Branchen eingreift, wenn über einen längeren Zeitraum die Bilanzen nicht stimmen und das Kapital nicht ausreicht. 154 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs. Über die Art und Weise der Abwicklung gibt es Streit – der Verlag und die Mitarbeiter fühlen sich überrumpelt und kritisieren das Vorgehen der Aufsichtsbehörde.

Die Zeitung gibt der Regierung die Schuld für den wirtschaftlichen Niedergang. Ein Grund sei das Kommunikationsgesetz, das die Freiheit der Presse eingeschränkt habe (die Folgen diese Gesetzes analysiert Reporter ohne Grenzen hier). Dieses an Merkwürdigkeiten reiche Gesetz war Anfang Juli die Grundlage für eine saftige Geldbuße. Das ohnehin klamme Unternehmen musste 57.800 US-Dollar zahlen, weil es die Druckauflage des jeweiligen Tages nicht auf der Titelseite abdruckte. Der Verlag beklagt außerdem, dass das Unternehmen keine Anzeigen von regierungsnahen Organisationen oder Institutionen bekam und die Druckerei Aufträge etwa für Schulbücher verlor. Präsident Correa wies den Zusammenhang zurück.

Kritiker fragen nun, wie es denn die “öffentliche” (sprich: staatliche) Zeitung El Telégrafo mit der Transparenz hält. Insgesamt zeigt der Fall erneut, wie sehr unliebsame private Medien unter der Regierung Correa unter Druck geraten. Aber auch einzelne Journalisten werden vom Präsidenten in seiner wöchentlichen Fernsehansprache an den Pranger gestellt. Ein Kollege berichtete mir, dass ihm das bereits drei mal passiert sei -  mit Bild. Er sei daraufhin sogar auf der Straße angepöbelt worden.

facultad de comunicación puce quito

Frisch aus der Werkstatt: Plan für neuen Journalismus-Studiengang in Quito

Station 1 meiner Südamerika-Tournee: Quito, Ecuador. In einem dreitägigen Workshop mit Dozenten der Universidad Católica (PUCE) ist das Gerüst für einen neuen Journalismus-Studiengang enstanden. Die carrera geht hervor aus einem ziemlich allgemein gehaltenen Kommunikationsstudiengang, in dem es bisher auch schon einen Journalismus-Schwerpunkt gab (PR und Literatur sind die beiden anderen). Die Probleme: Das erste wirklich auf die Praxis des Journalismus bezogene Seminar findet in diesem Curriculum erst im 5. Semester statt. Stattdessen gibt es viele Kontextfächer, deren Bezug zum Journalismus nicht immer erkennbar ist.

Die Regierung in Ecuador forciert zurzeit die Reform aller Studiengänge; unter anderem soll mehr Praxisnähe eingebaut werden, es gibt Vorgaben über die Anzahl der Fächer und Credits. Bis in einem Jahr soll das alles umgesetzt werden, quasi ein nationales Bologna auf Speed. Was immer man davon halten mag: Es kommt in jedem Fall Bewegung in die Hochschullandschaft.

Die hauptamtlichen Dozenten des Journalismus-Schwerpunkts haben nun einen Entwurf für eine neue Studienstruktur erstellt (und ich ganz viel bunte Moderationskarten beschriftet). Die wichtigsten Neuerungen: Praxisanteile gibt es durchgehend vom 1. bis zum 9. Semester. Vier Veranstaltungen zu “Redacción periodística” (in Darmstädter Terminologie: Textwerkstätten). Außerdem Praxisprojekte – ab dem 2. Semester. Für jedes Semester ist ein thematischer Schwerpunkt vorgesehen: Lokales, Kultur, Politik, Wirtschaft, Umwelt, Sport, Wissenschaft. Zweiter wichtiger Punkt: Digitale Medien bekommen ein deutlich stärkeres Gewicht. Gleichzeitig bleiben Kontextfächer wie Geschichte oder Literatur erhalten, werden aber stärker auf die Bedürfnisse zukünftiger Journalisten zugeschnitten. Eine Linie befasst sich relativ ausführlich mit empirischer Kommunikationsforschung. Außerdem ist ein halbes Semester als Praxissemester vorgesehen. Ob sich das so realisieren lässt, ist noch zu prüfen.

Insgesamt sind die Vorschläge ein guter Schritt, die Journalistenausbildung an der PUCE auf Fachhochschul-Niveau zu heben. Die nächsten Schritte sind noch etwas unklar: Wie genau die Akkreditierung ablaufen wird, liegt weitgehend im Dunkeln. Außerdem muss der Vorschlag noch durch die Hochschulgremien. Und es steht noch die (staatliche) Anforderung im Raum, dass alle carreras mit gleichem Abschlussziel ein zu mindestens 80 Prozent übereinstimmendes Curriculum haben müssen.

Gracias a todas y todos colegas de la PUCE por su colaboración en este proceso y sobre todo a Oliver Pieper de la Deutsche Welle Akademie, que maneja la asesoría.